Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

Gottesanbeterin

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A. Einleitung

I. Vorbemerkungen

Mitten in eine Zeit der literarischen Experimente fällt die Blütezeit einer kleinen literarischen Strömung, die die flämische Literatur seit den frühen Vierzigerjahren mit einer eigenständigen Prosakunst bereichert – der magische Realismus. Unabhängig von vielen Trends ihrer Zeit und gleichermaßen von durchbrochenen literarischen Zwängen wie von Zwängen, zu durchbrechen, machen die magischen Realisten auf sich aufmerksam. Grenzüberschreitend, doch zugleich ohne durch ein einheitliches Manifest verbunden zu sein, halten Künstler ähnlicher Gesinnung Einzug in die literarische Welt und setzen in der Literatur um, was in der Malerei begonnen wurde, ohne jedoch dieselben Ausmaße zu erreichen. Die kleine Zahl von Vertretern, die über ganz Europa verstreut waren, ihre losen Beziehungen zueinander und das Fehlen großer, übergreifender Konzepte sind die Ursache, dass sich die Bekanntheit des magischen Realismus nicht annähernd so stark ausbreiten konnte, wie etwa die des Surrealismus oder anderer Strömungen. Dabei ist die korrekte Verwendung des Begriffes magischer Realismus durchaus nicht unumstritten. Einige heute zeitweise dem magischen Realismus zugerechnete Autoren, wie etwa Simon Vestdijk, positionierten sich selbst anders oder verwendeten andere Begriffe, um ihr Schaffen zu benennen, namentlich fantastischer Realismus. Andererseits entsteht zu Recht Verwirrung, wenn heute verschiedene Betrachtungsweisen im Zusammenhang mit dem magischen Realismus nicht mehr von einer literarischen Bewegung im ursprünglichen Sinn sprechen, sondern von einem Phänomen, das, im Grunde weder zeit- noch ortsgebunden, im zwanzigsten Jahrhundert zwar vermehrt auftritt, jedoch auch in früheren Formen von Literatur bereits verwirklicht war, oder sogar allgemeines Charakteristikum von Literatur, wenn nicht gar Vorraussetzung dafür, ist.

Doch eine Begriffsbestimmung des magischen Realismus ist nicht das Ziel dieser Arbeit. Sie stellt es sich vielmehr zur Aufgabe, den magischen Realismus in der flämischen Literatur auf bestimmte Aspekte hin zu untersuchen. Korrespondierende Bewegungen in anderen Ländern und in der bildenden Kunst werden nur am Rande erwähnt, um ein globales Bild zu vermitteln und die Überlegungen mit dem entsprechenden literaturhistorischen Kontext zu versehen. Ferner beschränkt sich diese Arbeit auf magisch realistische Prosa und lässt etwa Johan Daisnes magisch realistische Poesie, die nur von marginaler Bedeutung ist, außer Betracht. Konkret werden von den beiden flämischen magischen Realisten jeweils zwei Romane analysiert. Gleichzeitig dienen aber auch andere erzählende Werke, zum Teil Kurzgeschichten, als Hilfsmittel. Die verwendete Sekundärliteratur reicht von für diese Arbeit sehr wertvollen Erläuterungen der Autoren über ihr eigenes Werk über Quellen, die die Autoren selbst verwendeten, bis hin zu biographischen und analysierenden Werken anderen Ursprungs. Gegenstand dieser Untersuchung ist zwar der magische Realismus in Flandern, und es werden ausschließlich entsprechende Primärwerke analysiert. Dennoch kommen auch Werke zum Einsatz, die sich mit gleichartigen Bewegungen in Deutschland auseinandersetzen. Sinn dieser Zusätze ist es, den flämischen magischen Realismus als Teil eines größeren Ganzen betrachten und auch von dieser Perspektive an ihn herantreten zu können.

Ausgangslage dieser Arbeit und zugleich Tenor der meisten Schriften rund um den flämischen magischen Realismus ist die weit verbreitete Ansicht, dass sich Lampos magischer Realismus von jenem von Daisne grundlegend unterscheidet. Kurz gesagt (jedoch im Original oft genauso kurz ausgedrückt) geht man davon aus, dass Lampos Schreiben von C.G. Jungs Tiefenpsychologie geprägt ist, während Daisne, im Gegensatz dazu, vielfach als philosophischer Autor bezeichnet wird. Sowohl Lampos eigene umfangreiche Erläuterungen als auch die der sich ernsthaft mit seinem Werk beschäftigenden Kritiker – was in erster Linie viele der erstaunlich zahlreichen ihm von vornherein negativ gesinnten Rezensenten ausschließt – machen diese Einteilung zu einer Art allgemeinen Lehrmeinung. Aussagen nach folgendem Muster bilden die Motivation für die vorliegende Arbeit:

„Het verschil tussen beide Vlaamse magisch-realisten berust hierop, dat bij Lampo de strikt wijsgerige visie van de platonische ideeënleer ontbreekt en dat het verschijnsel meer psychologisch verklaard moet worden.”[1]

„Elke poging om het magisch-realisme te verklaren voert Lampo steeds terug naar Jungs archetypenleer. Deze is en blijft de toetssteen van zijn magisch-realisme, dat zich doorzijn dieptepsychologische geaardheid duidelijk onderscheidt van Daisnes wijsgerig bepaald magisch-realisme.”[2]

„Nicht auf einer ‚filosofische, doch op een psychologische visie van de mens en de wereld’ […] beruht dagegen Lampos Konzept […]”[3]

Im Lexicon van Literaire Werken wird Daisnes Trap van steen en wolken als ein Roman beschrieben, von dem auf Grund von Daisnes eigenem richtungweisenden Nachwort kaum ernsthafte, neue Elemente zur Sprache bringende Analysen existieren.[4] Diese Ansicht bestätigt in gewisser Weise den vorliegenden Ansatz und dient als weitere Anregung, diesen monumentalen magisch realistischen Roman einer unvoreingenommenen Interpretation zu unterziehen. Es wird hierbei versucht, nach Darlegung der am häufigsten auftretenden Komponenten der bestehenden Analysen, eine diese ergänzende Sichtweise zu fundieren, die Daisnes Verwandtschaft mit Lampo in Bezug auf manche Aspekte enger erscheinen lässt, als dies bisher in der kollektiven literarischen Wahrnehmung der Fall ist. Dass ein solches Vorhaben nicht nur möglich, sondern sogar höchst angebracht ist, bestätigt Lampo selbst: „Dit opent perspectieven op het magisch-realisme van Daisne, waarop wij tot dusver niet hebben gealludeerd. Het is immers zo dat er zich op dit stuk, naast en met de door de schrijver zelf vooropgezette Platonische verklaring, een Jungiaanse duiding onweerstaanbaar opdringt.”[5]

Allgemein existiert rund um den magischen Realismus eine Vielzahl von Rätseln und Unklarheiten. Wie sonst ließen sich die vielen einander oft stark widersprechenden Ansichten und Auslegungen dieses Genres erklären? Daneben werden allerdings auch mit verblüffender Einstimmigkeit bestimmte Ansichten stets wiederholt, die mir vorerst eher zweifelhaft erscheinen. Beide genannten Umstände lassen mich die Vorgehensweise wählen, den magischen Realismus grundsätzlich als eine Unbekannte zu betrachten, das heißt, Ansichten und Interpretationen immer mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Dabei soll jedoch nicht in ein Zurückweisen um jeden Preis verfallen werden. Diese Hauptschwierigkeit gilt es zu überwinden. Der Grat zwischen voreiliger Annahme einer sich gefestigten These und grundsätzlicher Ablehnung, die durch einseitige Beweisführung im Nachhinein belegt werden soll, ist schmal. Erstgenannte Gefahr scheint angesichts der erwähnten Skepsis kaum zuzutreffen. Letztgenanntem Problem soll begegnet werden, indem weniger das Vorhaben, bestehende Meinungen zu widerlegen, als die Absicht diese zu ergänzen, beziehungsweise Schwachstellen anzuzeigen und alternative, parallele Modelle zu entwickeln, im Vordergrund dieser Untersuchung steht.

Lampo nimmt in seinem Vorschlag, seine archetypische Methode zum Verständnis magisch realistischer Werke auch auf Daisne anzuwenden, die Verfahrensweise dieser Arbeit teilweise schon vorweg, wenn er damit wahrscheinlich auch nicht im Sinn gehabt haben mag, dass dasselbe auch umgekehrt getan wird, dass also auch auf sein Werk neue Blickwinkel eröffnet werden sollen. Um erst die Grundlagen zu vermitteln, wird ein theoretischer Teil die bisherigen Erkenntnisse um den magischen Realismus zusammenfassen und die betreffenden Romane in diesem Sinne deuten. Ausgehend von jenen Theorien, die entweder die beiden Autoren selbst oder aber auch die Literaturwissenschaft zur Erklärung und Deutung der Erscheinung des magischen Realismus entwickelten, werden die zu behandelnden Werke einer Interpretation unterzogen, die diesen Vorgaben gerecht wird und die dadurch eine weitgehend anerkannte und angewandte Lesart darstellt. Ein darauf folgender praktischer Teil soll gemäß dem in einem vorhergehenden Absatz zitierten Ansatz Lampos die Verhältnisse umkehren und probeweise Thesen, die bisher dem einen Autor galten, auf den anderen anwenden. Lampo wird demnach einmal nicht von einem durch die gängigen, teilweise der Tiefenpsychologie entnommenen Ansätze vorbelasteten Standpunkt aus behandelt, sondern stattdessen vor einen philosophischen Hintergrund gestellt. Daisne wiederum wird nicht durch die philosophische Brille gelesen, sondern in Anlehnung an jene mit Jungs Tiefenpsychologie verbundenen Theorien, die bisher Lampo vorbehalten waren. Gelingt dies, so wird ein synthetischer Teil den Versuch wagen, Einseitigkeiten in Bezug auf die genannte Problemstellung hinter sich zu lassen und zu einem dualistischen Bild beider Autoren zu kommen; ein Bild, in dem die beiden – bezüglich des magischen Realismus – rivalisierenden Theorien vereint und einander ergänzend beide ihren Platz finden.



[1] Aken 1983, S. 4

[2] Van de Putte 1979, S. 59

[3] Scheffel 1990, S. 27

[4] Vermeiren 1993, S. 4-5

[5] Daisne; Lampo 1987, S. 34