Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

Gottesanbeterin

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D. Synthese – Gemeinsame Merkmale

Es wurde im vorhergehenden Teil dieser Arbeit festgestellt, dass die weitläufig praktizierte Reduktion von Lampo auf psychologische und von Daisne auf philosophische Gesichtspunkte nicht auf ein Fehlen des jeweils anderen Aspekts in ihren Werken gestützt ist, dass somit beide Autoren von beiden Blickwinkeln aus betrachtet werden können. So groß etwa Lampo in Aussagen wie „Het lijkt mij verstandig er van nu af op te attenderen dat onze inspiratie, onze thematiek en onze schriftuur volledig van elkaar verschillen”[1] den Unterschied zwischen seiner und Daisnes Literatur darstellt, so standfest kann diese Behauptung nun korrigiert werden: Es erscheint mir ab dem jetzigen Zeitpunkt fundiert, darauf hinzuweisen, dass die Thematik der beiden Autoren zweifelsfrei und ihre Inspiration sehr wahrscheinlich enger miteinander in Zusammenhang gebracht werden können, als bisher angenommen.

Im folgenden Teil gilt es, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Die aus dem Vergleich der verschiedenen Romane hervorgeholten Muster sollen nun in einem weitreichenderen Kontext analysiert werden. Übergreifende Merkmale in den Texten, die von Relevanz für die vorliegende Fragestellung sein können, sollen auf ihre Tauglichkeit für die dargelegten schematischen Charakterisierungen der beiden Autoren hin untersucht werden. Dabei wird auf bereits in früheren Abschnitten dieser Arbeit angeführte Elemente ebenso wie auf noch nicht erwähnte Besonderheiten des magischen Realismus eingegangen. Ziel ist letztendlich, zu zeigen, dass die beiden Standpunkte, die archetypische und die philosophische Lesart, einander nicht ausschließen, dass man in den magischen Realisten mit der nötigen Andacht beides vereint wiederfindet.

Es sei vorweggenommen, dass die in diesem Teil gefolgte Argumentationslinie darauf hinausläuft, dass eine Vielzahl von Themenbereichen des magischen Realismus, die stets in einem sehr engen Kontext gedeutet wurden und dadurch voneinander abzuweichen schienen, in einem breiteren Kontext betrachtet eine starke Verwandtschaft aufweisen – eine an sich nicht neue Erkenntnis, bildet sie doch den Ausgangspunkt dieser Arbeit. Nun ist es aber an der Zeit, diese Verwandtschaft zu benennen. Hierbei stoßen wir auf eine bekannte, aber nach dieser Untersuchung nicht weniger aktuelle Thematik philosophischen Ursprungs, die sich aus den verschiedenen Vergleichsansätzen immer wieder herauskristallisiert. Es ist die grundlegende Frage nach der Wahrheit und Verlässlichkeit dessen, was der Mensch wahrnimmt und daraus schließt. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wie universal sind die von uns als natürliche Gesetzmäßigkeiten erkannten Prinzipien? Gibt es ein sich diesen Gesetzmäßigkeiten entziehendes Übernatürliches? Der magische Realist zweifelt an der alleinigen Gültigkeit des rationalen, jedes sich nicht darin eingliedernde Element ausschließenden Weltbildes und räumt dem Alogischen, Akausalen einen Platz in der Wirklichkeit ein.

1. Der magische Realismus – ein Spiel mit Andeutungen

Ein bis jetzt noch nicht zur Sprache gekommenes Merkmal des flämischen magischen Realismus, dem nun erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, gehört im Grunde genommen der stilistischen Ebene an und wäre demnach für eine auf inhaltliche Aspekte gerichtete Untersuchung nicht von primärem Belang. Doch der Beitrag, den dieser Punkt für eine vergleichende Gegenüberstellung von Lampo und Daisne leisten kann, ist nicht zu unterschätzen.

Den all seine Erwartungen übertreffenden Erfolg seiner Bücher schreibt Lampo neben dem Inhalt auch dem begeisternden Charakter und dem Ton seines Werkes zu.[2] Ich setze mich von einer sicheren, mit belegbaren Aussagen arbeitenden Methode ab, wenn ich nun behaupte, dass ein entscheidender Teil dieses die Leser begeisternden Charakters und Tons in einem für den magischen Realismus spezifischen Stilelement liegt, das auch bei Daisne zu finden ist und wohl auch bei ihm einen beträchtlichen Teil der Begeisterungsfähigkeit seiner Werke ausmacht. Wenn hier auch von einem Stilelement die Rede ist, so soll das aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei oft um für den Inhalt äußerst ausschlaggebende Schreibtechniken handelt.

Es entsteht der Eindruck, dass die flämischen magischen Realisten über ein Repertoire bestimmter Wörter und Phrasen verfügen, denen innerhalb ihrer Texte eine Art Schlüsselrolle zukommt. Auffallend ist, dass in diesen Wendungen einige Reizwörter immer wieder gebraucht werden und dass alle Wendungen eine gewisse Verwandtschaft aufweisen. Wenn etwa Daisne schreibt „De nacht scheen niet enkel ons ruimtelijk waarnemingsvermogen verduisterd te hebben, doch tevens onze blik in de tijd”[3], so lässt sich beinahe auf Anhieb eine Textstelle von Lampo finden, die den Satz relativ nahtlos weiterführt: „het valt mij dan ook van langsom moeilijker de realiteit te onderscheiden van wat geen gewone werkelijkheid meer is, doch evenmin reeds volslagen droom.”[4] Die zwischen diese Wendungen zu erkennende Analogie liegt zum einen in ihrer Eigenschaft als funktionelle stilistische Elemente, die eine geheimnisumwitterte, den Leser begeisternde Ausstrahlungskraft haben, zum anderen ist ihnen aber auch ein aussagekräftiger Aspekt gemein.

Nimmt man mehrere dieser Wendungen zur Hand, so fällt es nicht mehr schwer, die Verwandtschaft zwischen ihnen zu benennen. Hier einige Beispiele:

„Zijn mijn dagelijkse, rustige ervaringen slechts de afschaduwing van een dieper en rijker ervaren, dat zich aan mij voltrekt?”[5]

„Nog verbaast het mij, hoeveel omwegen er soms nodig geweest zijn, opdat één vaag en misschien zelfs verkeerd geïnterpreteerd teken mij bereiken zou...”[6]

„[...] omdat slapen avontuur is, een overstappen van deze wereld in een andere [...]. Gewoontedromers zullen wel weten wat ik bedoel: nu eens dromen we meeslepende geschiedenissen die zich logisch ontwikkelen [...]; een andere maal dromen we een poespas van onbelangrijke dingen, die we zo weer zijn vergeten, maar daarin kunnen dan ook eensklaps een gezicht, een gebaar, een onbegrijpelijk tafreel voorkomen, als gezien in een lichtflits maar gehuld in duisternis, dramatisch, tragisch, schoon, die ons doen hijgen, ons onze handen doen wringen, zoute tranen in onze keel dringen [...]; het is of ons werd vergund één ogenblik in de hemel te kijken.”[7]

„Op een onbegrijpelijke wijze voelde ik die vrouw, niettegenstaande haar vriendelijke eenvoud, niet alleen boven hen beiden, maar ongeveer boven alle aanwezigen verheven.”[8]

All diese Textstellen erzeugen eine markant rätselhafte Atmosphäre, die den Leser ein Geheimnis hinter dem beschriebenen Geschehen vermuten lässt. Von schicksalhaften Zeichen ist ebenso die Rede wie von bedeutungsvollen Vorgängen hinter dem alltäglich Erlebten. Es wird im Leser die Ahnung einer essenziellen und universalen Tiefe im dargestellten Sachverhalt geweckt. Oft wird auch auf das befremdend Eigenartige der beschriebenen Begebenheiten hingewiesen. Wörter wie vreemd, onverklaarbaar, geheimzinnig, magisch und mystisch sowie das Andeuten von mysteriösen Zusammenhängen oder Zeichen sind Teil eines „stilistischen Standardrepertoires“ der magisch realistischen Erzählkunst.

Das häufige Auftreten und die spannungssteigernde Funktion dieser magischen Andeutungen macht sie zu integralen Elementen Lampos und Daisnes Schreibens. Sie gehören ebenso zu ihren Texten wie die darin vorkommenden unwahrscheinlichen Begebenheiten und sind damit für ihren magischen Realismus von ähnlich konstituierendem Belang. Und auch ihr inhaltlicher Gehalt fügt sich in die sich abzeichnenden inhaltlichen Leitgedanken des magischen Realismus ein. Denn universal wie die angedeutete Tiefe der von ihnen charakterisierten Sachverhalte ist auch die vom magischen Realismus transportierte Botschaft mit dem Appell, die Augen zu öffnen, sich zugänglich zu machen für eine nicht erkannte über alles Logische und Erklärliche hinausgehende Dimension in der alltäglichen, uns umgebenden Welt. Magische Andeutungen sind also nicht nur zweckmäßige, auf ein technisches Ziel ausgerichtete Stilmittel, sondern stehen durchaus auch im Dienst einer übergreifenden Thematik und leisten einen strukturellen Beitrag zu ihrer Vermittlung.

2. Parallelwelten oder Einschränkungen in der Anerkennung einer deterministischen Welt

Eine der entscheidendsten Inhaltskomponenten, die (auch) durch magische Andeutungen vermittelt werden kann, ist wohl jenes von magischen Realisten gerne verbreitete Weltbild, das die pure und nüchterne Realität im Sinne von Rationalität und Kausalität als nur einen Teil der Welt betrachtet und, allgemein ausgedrückt, noch mehr in ihr zu erkennen glaubt. Sei es nun im Sinne von Jüngers und Daisnes Aufwertung des kindlichen Denkens und des Traums, oder im Sinne von Lampos Zurückgreifen auf Jungs Synchronizitätslehre – all diese programmatischen Argumentationen beziehen sich auf ebendiese Überzeugung einer rational nicht fassbaren Komponente in der Wirklichkeit, die sich in den Texten auf eine ähnliche Weise niederschlagen kann.

Es wurde bereits in der Einleitung darauf hingewiesen, dass alle vier behandelten Bücher bereits im Titel in irgendeiner Form darauf anspielen, dass nicht nur die Realität, wie sie sich unseren Sinnen darstellt, nicht vollkommen ist, dass es also Aspekte übersinnlicher Natur gibt, die darüber hinausgehen, sondern auch, dass neben unserer Welt noch andere Welten existieren. „Naast die driedimensionele wereld bestaan er andere werelden, die wellicht moeilijk toegankelijk zijn, maar even reëel, zoniet reëler zijn.”[9] Alle behandelten Romane enthalten einen derartigen Gesichtspunkt, wenn auch in verschiedener Deutlichkeit, Wichtigkeit und Ausführung. Der Reihe nach werden diese Aspekte im Folgenden erläutert.

2.1. De komst van Joachim Stiller

De komst van Joachim Stiller hält sich mit expliziten Hinweisen darauf zurück. Dennoch scheint Stiller selbst aus einer anderen Welt zu kommen, von der aus er seine Geschicke leitet und von Zeit zu Zeit in die unsere übertritt. So erzählt Simone über ein Telefongespräch mit ihm: „Het moet een interlokale verbinding geweest zijn, geloof ik. Eerst kreeg ik een telefoniste aan de draad. Maar ik hoorde haar niet zeggen, vanwaar ik opgeroepen werd. De aspirines, begrijp je... Een tijdlang was er alleen gegons in het apparaat.”[10] Schließlich wird die Verbindung abgebrochen. Lampo lässt das Bild entstehen, dass Stiller von sehr weit entfernt von sich hören lässt. Angesichts der Handlung des Romans ist nicht anzunehmen, dass es sich dabei um einen entlegenen Teil unserer Welt handelt. Das Telefon fungiert nicht nur als das Kommunikationsmittel, das es für uns bedeutet, sondern auch als Symbol für Kommunikation zwischen entfernten Orten, als Mittel um Kontakte herzustellen, wo auf andere Weise keine Kontakte möglich sind.

Dem entspricht auch Stillers schlussendliches Erscheinen. Seine Auserwählten werden darum gebeten, sich zum Bahnhof zu begeben und dort auf ihn zu warten. Bahnhöfe und Züge sind ein hervorragendes Instrument für den magischen Realisten, um das Übertreten in andere Welten auszudrücken. Seit jeher strahlen sie, bedingt dadurch, dass sie dazu dienen, Menschen zwischen weit entfernten Orten reisen zu lassen, eine gewisse magische, beinahe mit Archetypen vergleichbare Atmosphäre aus. Es sei an Daisnes Trein der traagheid erinnert, wo der Zug zugleich Verkehrsmittel und Trajekt zwischen zwei Welten ist. Auch im niederländischen, oft als magisch realistisch bezeichneten[11] Roman, De kellner en de levenden von Simon Vestdijk ist es ein Bahnhof, der als Symbol für den Kontakt zwischen den Welten dient. So wartet eine Gruppe von Menschen in einer Wartehalle eines Bahnhofs. Auf den 500 Bahnsteigen herrscht Hochbetrieb. Züge kommen an und fahren wieder ab, um sich plötzlich in Luft aufzulösen. Der Bahnhof entpuppt sich als jüngstes Gericht; die Wartenden sind zum Großteil Gestorbene, die, je nachdem, wie ihr Urteil ausfällt, in verschiedene Züge einsteigen müssen. Es genügt, dem noch einen Hinweis auf die kurz behandelte Novelle „Heer, zijn wij de trein die rijdt of de trein die stilstaat?!” von Johan Daisne hinzuzufügen.

Und so lässt auch Joachim Stiller vor einem Bahnhof auf sich warten. Als er jedoch zur angekündigten Zeit noch nicht da ist, wird beschlossen, sich zu informieren, von wo der vermeintliche Zug denn kommen soll. „’U vergist zich, meneer,’ zei de man aan het loket, ‘vóór tienen loopt er geen trein meer binnen. U kunt me rustig geloven. Zoveel zien we er hier tegenwoordig niet meer, dat ik me zou vergissen.’”[12] Trotzdem tritt kurz darauf Joachim Stiller aus dem Gebäude. Es konnte in der Zwischenzeit weder ein Zug angekommen sein, noch hatte er sich zuvor im Bahnhofsgebäude befunden. Sein Zug gehört eben nicht zu dem Teil des Bahnhofes, der normalen Reisenden dient, sondern zum Symbol Bahnhof, das die Verbindung zwischen verschiedenen Welten darstellt.

2.2. Terugkeer naar Atlantis

Viel deutlicher nimmt Terugkeer naar Atlantis zu Parallelwelten Stellung. Wenn diese im vorigen Buch nur einer von vielen magisch realistischen Aspekten sind, so kann man hier von einem entscheidenden Element, um das sich der Rest der Handlung dreht, sprechen. Zweifellos ist es ein Archetypus, der durch die Atlantissymbolik hervorgerufen wird. Doch es genügt nicht, sich in einer Analyse ausschließlich darauf zu konzentrieren. Es muss auch die konkrete Realisierung der Thematik erwogen werden. So wird der Archetypus nicht nur angedeutet, sondern durch verschiedene Elemente greifbar gemacht.

Zunächst kommt wieder der symbolische Zug zum Einsatz, dessen Zugehörigkeit zu einer anderen Welt über den ganzen Roman hinweg betont wird:

„Nooit heb ik mij afgevraagd, van waar deze trein wel komen mocht en waar hij heen reed, alsof het voor mij vast stond, dat hij tot een bovennatuurlijke werkelijkheid behoorde, waar onze vragen naar herkomst en stemming van alle grond verstoken zijn. Ook thans nog, zo vele jaren later, oefent het gedreun van nachtelijke treinen een onverklaarbare aantrekkingskracht op me uit”[13].

Der Zusammenhang mit Atlantis, das auf Christiaan Dewandelaers Vater eine solche Anziehungskraft ausübte, dass er scheinbar beschloss, diese Welt zu verlassen, liegt auf der Hand. Zugleich hat der Zug aber auch etwas Bedrohliches. Am Sterbebett der Mutter hört Dewandelaer, wie offenbar die letzten Vorbereitungen getroffen werden: „In de verte was op de kade, zoals iedere avond, het bonzend gerucht van spoorwagons, die tot treinen gerangeerd werden.”[14] Schließlich entpuppt sich der Zug, Verbindungsglied zwischen dieser und der anderen Welt, als Todesbote:

„Een bekend gerucht wekte mij uit mijn mijmering, die mij de pijnlijke werkelijkheid van het ogenblik had doen vergeten: de goederentrein van iedere avond, traag kreunend in de bocht onder het langgerekt en nutteloos gegil der stoomfluit. Ik doofde mijn sigaret en nam opnieuw plaats bij de stervende. De klok aan de wand scheen plots luider te tikken. Het duurde nog even, vooraleer het tot mij doordrong, dat het gebeurd was.”[15]

Die in diesem Fall symbolische Funktion als Todesbote wandelt sich gegen Ende des Romans zu einer dinglichen als tatsächlicher Todbringer, nämlich wenn Eveline sich vor die Gleise stürzt und damit diese Welt gewissermaßen mit Hilfe des Zuges endgültig verlässt.

Der Zug erfüllt daher eine mehrfache Funktion, einerseits als konkretes Todessymbol, andererseits als Verbindungsglied zu einer anderen Welt, die nicht unbedingt mit dem Tod identifiziert werden muss, sondern deren nur schemenhafte Beschreibung einer archetypischen Vorstellung einer anderen Welt gerecht wird; und letztlich als Element einer magisch realistischen Grundstimmung, in der das Vermuten einer anderen, von uns nicht wahrnehmbaren oder nicht wahrgenommenen Wirklichkeit eine beliebte Thematik ist und immer wieder durch entsprechende Hinweise bekräftigt wird.

2.3. De trap van steen en wolken

Daisne erstellte hiermit wohl das ausgeprägteste vorliegende System von verschiedenen Welten. So werden diese bei ihm keineswegs nur angedeutet oder durch etwaige Symbole vertreten, sondern explizit benannt und beschrieben. Sie sind die entscheidenden Elemente seiner Romanstruktur und seines Wirklichkeitsbildes. Freilich wirft sein System von Realität und Traumwelt einen anderen Grundgedanken auf, als zum Beispiel Joachim Stillers Welt, die, weder benannt noch beschrieben, durch sein Eingreifen den Eindruck einer höheren transzendenten Instanz weckt. Diese Sichtweise lässt sich auf De trap van steen en wolken nicht übertragen. Zwar gibt es mehrmals weltenübergreifende Handlungen, diese sind aber nicht von ordnendem, zielgerichtetem Charakter. Dafür will Daisne, genauso wie das bei anderen magischen Realisten der Fall ist, unser Bild der Wirklichkeit ergänzen und um eine magische Komponente bereichern.

Bereits in den Grundzügen der Struktur seines Werkes lässt sich diese Ambition erkennen. Seine Erzählung spielt sich (hauptsächlich) auf zwei Ebenen ab, die in gewisser Weise sein später ausformuliertes System von einer aus Realität und Traum bestehenden Wirklichkeit abbilden. Die „untere“ der beiden Haupterzählebenen, jene von Evert, stellt die nüchtern banale Realität dar, während die Ebene der Sedgwicks sehr viel bunter und mit zahlreichen fantastischen Elementen ausgeschmückt ist. Daisnes dualistisches Wirklichkeitsbild äußert sich nun besonders darin, dass er die beiden Ebenen nicht als voneinander getrennt darstellt, sondern sie im Laufe der Handlung mehr und mehr fließend ineinander übergehen lässt. So tauchen plötzlich Elemente der Traumebene in der Realität auf, oder ist man über Vorgänge in der Realität auch auf der Traumebene informiert. Nicht zuletzt ist auch Daisnes Anlehnung an Platons Zwei-Welten-System als eine solche Aufforderung zu verstehen, die Dinge nicht nur als das zu betrachten, was sie materiell gesehen sind, sondern die Ideen dahinter wahrzunehmen und als basalen Teil der Welt zu erkennen.

2.4. De trein der traagheid

In sehr expliziter Form wird auch in dieser Novelle ein Mehr hinter dem alltäglich Rationalen suggeriert. In an sich nüchterner Form wird unter Zuhilfenahme von abenteuerlich-halbwissenschaftlichen Hypothesen und Spekulationen der Tod als ein langsamer Übertritt in eine andere Welt mit anderen Eigenschaften dargestellt. Ein gewisser realistischer Charakter kommt dieser Art der Darstellung gerade dadurch zu, dass ausschließlich rationale Elemente zu einem dennoch unerwarteten und verfremdeten Gefüge komponiert werden. So werden tatsächlich gebräuchliche Naturgesetze und Prinzipien aus der Sprachwissenschaft verwendet – doch diesmal nicht wie in seinem romantisch magisch realistischen Werk De trap, um ein deterministisches Weltbild nur zu untergraben, sondern, um es gleichsam zugänglich zu machen für jene Aspekte der Wirklichkeit, die es bisher ausschloss.

Es mag Zufall sein, oder aber auf die starke archetypische Kraft hinweisen, die von diesem Symbol ausgeht, wenn es auch in dieser Erzählung ein Zug ist, der den Übertritt von einer Welt in die andere allegorisiert. Während alle anderen Passagiere eingeschlafen sind und die außergewöhnliche Veränderung ihrer Umgebung nicht bemerken, verlassen die drei Protagonisten bei einem Zwischenstopp den Zug ins Jenseits und verzögern ihre Reise mit einem längeren Aufenthalt in einer Zone, die zwischen den beiden Welten von Leben und Tod liegt. Während schlussendlich zwei von ihnen ins Leben zurückkehren, entschließt sich der Jüngste unter ihnen, überwältigt von der Anziehungskraft des Unbekannten, die Reise fortzusetzen, und es kommt mit einer Straßenbahn, die mit ihm im „schwarzen Nebel“ verschwindet, wieder dieselbe Symbolik zum Tragen.

2.5. Schlussfolgerung

Parallelwelten und – oft damit verbunden – Einschränkungen in der Anerkennung einer deterministischen Welt, wie verschiedenartig diese auch sein mögen, stellen einen übergreifenden Aspekt der behandelten primären Literatur dar. Wenn sich Daisne dabei etwa in De trap auch auf sein platonisch-dualistisches Weltbild bezieht und konkret von einer Ideenwelt spricht, die der materiellen Welt als Vorlage dient, und Lampo etwa in Terugkeer einen Archetypus thematisiert sehen will, so ist doch der übergreifende Grundgedanke dieser Thematik zu beachten: nämlich ein Zweifeln an der exklusiven Gültigkeit jenes Bildes von der Welt, das die fortschreitende naturwissenschaftliche Erkenntnis und der damit verbundene zunehmende Rationalismus und Positivismus in den letzten Jahrhunderten mit sich gebracht haben. In diesem Sinne erscheinen die Werke von Lampo und Daisne als kritische Stellungnahmen zu einer versachlichten Welt mit einem romantischen Aufruf zur Irrationalität, sowie als Ausdruck einer philosophischen Überzeugung.

3. Magischer Realismus und Synchronizität

Ein bereits erwähnter Gedanke von Jungs Lehre, der von Lampo zwar ab und zu an- aber kaum ausgeführt wird, ist jener der sinnvollen Synchronizität. Diese mehr auf naturwissenschaftliche Grundprinzipien als auf die Psychologie ausgerichtete Theorie geht davon aus, dass bestimmte außergewöhnliche Ereignisketten nicht auf Zufällen beruhen, sondern einer höheren Ordnung folgen, dass also die Kausalität als alleiniges oberstes Prinzip naturwissenschaftlichen Denkens nicht haltbar ist. Jung erläutert:

„Zufallsgruppierungen oder -serien scheinen, für unser derzeitiges Begreifen wenigstens, sinnlos zu sein und überdies samt und sonders innerhalb der Wahrscheinlichkeit zu liegen. Es gibt allerdings Fälle, deren Zufälligkeit Anlaß zu Zweifel geben könnte. Ich habe mir, um ein Beispiel aus vielen zu erwähnen, unter dem 1. April 1949 folgenden Fall notiert: Heute ist Freitag. Wir haben Fisch zum Mittagessen. Jemand erinnert beiläufig an den Gebrauch des ’Aprilfisches’. Am Vormittag habe ich mir eine Inschrift notiert: ’Est homo totus medius piscis ab imo.’ Nachmittags zeigt mir eine frühere Patientin, die ich seit Monaten nicht gesehen habe, einige ungemein eindrucksvolle Fischbilder, die sie in der Zwischenzeit gemalt hat. Abends wird mir eine Stickerei gezeigt, die fischartige Meerungeheuer darstellt. Am 2. April, am frühen Vormittag, erzählt mir eine frühere Patientin, die ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, einen Traum, in welchem sie, am Ufer eines Sees stehend, einen großen Fisch erblickt, der direkt auf sie zuschwimmt und sozusagen zu ihren Füßen ’landet’. Ich bin zu dieser Zeit mit einer Untersuchung über das historische Fischsymbol beschäftigt. Nur eine der hier in Betracht kommenden Personen weiß darum.“[16]

Es liegt auf der Hand und wird durch die behandelten Romane bestätigt, dass Ereignisketten nach diesem Muster für den magischen Realisten brauchbare Instrumente darstellen. Man denke an De komst van Joachim Stiller, wo eine scheinbare Anhäufung von Zufällen am Beginn einer Erzählung steht, die im Hinblick auf irrationale Zusammenhänge eine Eigendynamik entwickelt, um schlussendlich in der Auferstehung des messianischen Joachim Stiller einen unwahrscheinlichen Höhepunkt zu erreichen. Gleiches gilt für Terugkeer naar Atlantis, wo der symbolische Gehalt des Zuges wiederholt als Todesbote oder Todbringer agiert. Auch in De trap van steen en wolken wird mit vielsagenden Zufällen gespielt, wenn etwa Gun genau zum Todeszeitpunkt des Indianers Montaigu Matihow ausruft: „Ik wil altijd de Indiaan met het grote hart zijn!”, um anschließend dessen Charaktereigenschaften – oder dessen „Herz“ – anzunehmen.

Diese Thematik fügt sich hervorragend in jenen hier skizzierten magischen Realismus, der ganz dem gleichen Tenor folgend, auch eine höhere, nicht rational fassbare Ordnung hinter alltäglichen Dingen und Vorgängen vermutet. Wieder läuft es letztendlich auf denselben magisch realistischen Leitgedanken hinaus, der auf so viele Weisen aufgerufen werden kann und wird: Die Welt ist nicht bloß, was sich unserem nüchternen Auge darbietet; ihre Mechanismen sind unserer Rationalität nicht zur Gänze zugänglich.

4. Jüngers Theorie als verbindendes Merkmal

Ohne dabei gänzlich neue Elemente zutage zu bringen, will ich noch einmal wiederholend auf Ernst Jüngers Interpretation der Wirklichkeit eingehen. Diese lässt sich nahtlos in die vorangehenden Erläuterungen integrieren und bekräftigt somit die Überlegungen, den magischen Realismus trotz des Fehlens transnationaler Beziehungen als eine in seinen Leitgedanken einheitliche und überzeitliche Erscheinung zu betrachten. Ernst Jünger ist für diese Untersuchung insofern verbindend, als seine Überlegungen dasselbe Fundament berühren, in dem auch Daisnes und Lampos Systeme wurzeln. Seine Theorie wird somit indirekt zu einer Brücke zwischen den beiden anderen Autoren. Dass der sich in dieser Arbeit herauskristallisierende Aspekt des Irrationalen und des Rationalen als symbiotische Teile einer Betrachtung der Welt auch bei Jünger beherrschend die Basis seines magischen Realismus bildet, deutet darauf hin, dass es durchaus Sinn macht, an einen Vergleich der beiden Autoren über diesen Gesichtspunkt heranzugehen.

Jünger beschreibt den Moment seiner Erkenntnis, dass ihn eine Landschaft ergreift, dass sie mehr bewirkt, als es einer „reinen Landschaft“ möglich sein dürfte und kommt zu dem Schluss, dass die rationale und die irrationale (kindliche, romantische, fantastische,...) Wahrnehmung zugleich und miteinander verbunden notwendig sind, um die volle Wirklichkeit zu erfassen. Es wurde bereits erwähnt und bedarf keiner Argumentation mehr, um darzulegen, dass die Ähnlichkeit zu Daisnes Wirklichkeitsbild markant ist. Letzterer spricht von der Einheit aus der nüchternen Realität und dem irrationalen Traum, die gemeinsam die Wirklichkeit bilden. Und auch Lampo kritisiert die Einseitigkeit der „[...] nuchtere feiten, waarop onze zakelijke wereld zich blind staart, zonder plaats in te ruimen voor de geest en de droom”[17] und legt in seinen Erzählungen gewissermaßen als Ausgleich den Nachdruck auf die andere, fantastische Seite.

5. Archetypen

Um einerseits nicht in die Einseitigkeit abzugleiten, zugleich aber auch einen letzten maßgeblich erscheinenden gemeinsamen Punkt der flämischen magischen Realisten anzusprechen, sei noch einmal die Rolle der von Lampo aufgegriffenen Archetypentheorie für diese Form von Literatur angesprochen. Dieser zweifellos innovative Ansatz wird als richtungsweisende Erneuerung in der Interpretation des magischen Realismus betrachtet, über die das letzte Wort noch nicht gefallen ist. Ohne besondere Einfühlungsbereitschaft sind entsprechende Elemente auch bei Daisne zu erkennen. Es sei hierfür nur exemplarisch auf die archetypische Darstellung der Frau durch Ra in De trap und des alten Weisen durch Hernhutter in De trein hingewiesen.

Auch eine weiter gefasste, Daisne einschließende Anwendung wird also für möglich und berechtigt gehalten, wenngleich es noch unklar ist, wohin eine solche Erweiterung führt. Denn freilich – eine Universalisierung und Anwendung auf die Literatur als solches ist wohl möglich. Oder anders formuliert: Es stellt sich die (durchaus kritische) Frage, ob eine archetypische Inspiration nicht ohnehin allgemeines Merkmal von Literatur ist und der magische Realismus in Bezug auf diesen Aspekt im Grunde keine Besonderheit darstellt. Nur durch einen Kunstgriff – und auch dann bestenfalls zum Teil – kann diese für Lampos These fatale (oder glorreiche – je nach Blickwinkel) Schlussfolgerung verhindert werden: indem man den magischen Realismus als in einer besonders intensiven Weise davon betroffen sieht.

Will man archetypische Annäherung an magisch realistische Texte aber aufrechterhalten und demnach den magischen Realismus tatsächlich als in einem besonderen Ausmaß oder auf eine besondere Weise von dem Phänomen archetypischer Inspiration betroffen bezeichnen, so ist festzuhalten dass diese Methode der Literaturdeutung nur als ergänzendes und nicht als alternatives Modell sinnvoll erscheint. Denn, wenn sie als Erklärungsmodell auch interessant und relevant sein mag, so gibt sie doch keinen Aufschluss über inhaltliche Fragen des magischen Realismus. Sie vermittelt zwar Einsicht in die psychischen Vorgänge, die der Entstehung und Rezeption magisch realistischer Literatur zugrunde liegen könnten und deckt entsprechende Textpassagen auf, sie sagt aber, da sie einen unbewussten Prozess beschreibt, nichts über den darüber hinausgehenden, subjektiv-bewusst vom Autor intendierten und den vom Leser wahrgenommenen inhaltlichen Gehalt eines Werkes aus.

Bei allen Vorbehalten ist doch die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Lampo mit der von Jung entlehnten und auf den magischen Realismus angewendeten Archetypentheorie einen Aspekt dieser Richtung erkannt hat, der zuvor noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, aber dennoch vorhanden war. So problematisch und ungenau diese Aussage auch ist, so kann – um der anfänglichen Fragestellung dieser Untersuchung gerecht zu werden – doch geschlossen werden, dass der magische Realismus über eine „psychologische Komponente“ verfügt. Als Einschränkung muss aber hervorgehoben werden, dass diese Arbeit keine Aussage darüber treffen kann, inwieweit das in der dargelegten Form nicht für alle Literatur gilt.



[1] Lampo 1993, S. 34

[2] Lampo 1993, S. 52

[3] Daisne 1963, S. 49

[4] Lampo 1976, S. 68

[5] Lampo 1976, S. 12

[6] Lampo 2003, S. 53

[7] Daisne 1943, S. 24

[8] Daisne 1963, S. 82

[9] Van de Putte 1979, S. 248

[10] Lampo 2003, S. 95

[11] Siehe Van de Putte 1979, S. 120 ff.

[12] Lampo 2003, S. 176

[13] Lampo 1976, S. 11

[14] Lampo 1976, S. 18

[15] Lampo 1976, S. 21

[16] Jung 1990/b, S. 14-15

[17] Lampo 2003, S. 181