Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

Gottesanbeterin

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E. Schlussbetrachtung – Magischer Realismus

Es hat lange gedauert, bis sich Hubert Lampo als magischer Realist deklarierte. Er tat es erst um 1960, nach dem Erscheinen von De komst van Joachim Stiller. Lampo räumt selbst ein, dass der magische Realismus „reeds sedert lang bij mij [aanklopte]“[1], und dass sein „Beitreten“ mit seiner Entdeckung von Jungs Theorien zusammenhing. Sein Bekenntnis war jedoch gewissermaßen halbherzig. Der magische Realismus musste einer Erneuerung unterzogen werden. Ein neues Erklärungsmodell musste konstruiert werden. In Anbetracht seiner vorherigen Werke, deren magisch realistischer Gehalt in dieser Arbeit angezeigt wurde und auch ohne Lampos eigener Definition feststeht, muss die Frage gestellt werden dürfen, inwieweit Lampos späte offizielle Beteiligung mit einer gewissen Eitelkeit zusammen hängt. Kam ein Anschluss an eine nicht durch ihn ins Leben gerufene Richtung erst in Frage, als er über die Möglichkeit verfügte, der gesamten Theorie seinen Stempel aufzudrücken? Es bleiben in jedem Fall Ungereimtheiten. Auch, dass Lampo etwa in seinem magischen Realismus eine besondere Eigenheit entdeckte, die nur ihn selbst betraf, und dass er daher nicht einer „Gruppe“ beitreten wollte, die dem nicht zur Gänze entspricht, bietet keine mögliche Erklärung. Schließlich ist seinen eigenen Aussagen zu entnehmen, dass er seiner Theorie eine Universalität zuschreibt, die nicht nur Johan Daisne, sondern zeitweise die gesamte Literatur einschließt.

Es ist jedoch festzuhalten, dass Lampos Modell für die tieferen Inspirationsmechanismen als plausibel betrachtet wird, sowohl für sein eigenes Schaffen, als auch für den gesamten magischen Realismus und sogar in seiner globalen Auslegung. Die Theorie ist eine mögliche und durchaus einleuchtende Erklärung für die große Ähnlichkeit zwischen den Werken der beiden flämischen magischen Realisten. Beide schöpfen ihre Inspiration aus dem Vorrat von Urbildern im kollektiven Unbewussten. Sie sind nach dieser Betrachtungsweise im Endeffekt hauptsächlich Vermittler. Zum einen ist ihnen das kollektive Unbewusste besonders zugänglich, und zum anderen gelingt es ihnen, diese Bilder in Form von Literatur an den Leser zu bringen, oder vielmehr die Bilder, die ja auch im Leser selbst vorhanden sind, in diesem aufzurufen. Beide schöpfen also aus dem kollektiven Unbewussten, das jeden Menschen prägt, das aber nicht jedem in derselben klaren Art und Weise zugänglich ist, wie den magischen Realisten, die geradezu dazu berufen sind, ihren archetypische Esprit zu vermitteln.

Es ist durchaus einleuchtend, dass sich Lampo in seinem magischen Realismus auf Jung stützt. Seine Handlungen verkörpern auf literarische Art den Zusammenhang von kollektivem Unbewussten und synchronistischen Phänomenen. Hierdurch tritt seine Affinität zu Jungs Theorien klar hervor. Es ist aber auch nicht zu vernachlässigen, dass Teile seiner Übertragung dieser Theorien auf die Literatur auch auf eine große Anzahl anderer Autoren anzuwenden sind. Lampo legt mit seinem Modell den Grundstein für eine Sichtweise der Eigenschaften des magischen Realismus als generelles Merkmal von, wenn nicht gar Kriterium für Literatur. Mit der Universalisierung des magischen Realismus geht allerdings auch die Frage einher, wodurch sich die Literatur der eigentlichen magischen Realisten in diesem Fall noch von anderen Richtungen absetzt; was ihn als konkrete Erscheinung noch definiert.

Es muss aber auch die Einseitigkeit einer Beschränkung und alleinigen Konzentration auf dieses Modell betont werden. Es entspricht nicht einer inhaltlichen Interpretation von Literatur im ursprünglichen Sinn. Zwar bietet es eine mögliche Erklärung für das Entstehen und die psychischen Vorgänge in der Rezeption von (magisch realistischer) Literatur, allerdings beantwortet es nicht die Frage nach den eigentlichen inhaltlichen Grundgedanken des magischen Realismus. Hier sind andere Ansätze von Nöten. Diese wurden gefunden und angewendet – mit dem Ergebnis, dass die archetypische Annäherung an den magischen Realismus und andere Erklärungen einander nicht ausschließen. Das archetypische Erklärungsmodell kann also als wertvolle Ergänzung, nicht jedoch als exklusive Methode zur Sinndeutung des magischen Realismus bezeichnet werden.

Doch wovon ist das archetypische Erklärungsmodell eine wertvolle Ergänzung? Es wurden in dieser Arbeit mehrere Ansätze zur Deutung oder Beschreibung des magischen Realismus behandelt. Der oberflächlichste Ansatz leitet seine Definition aus der Form ab, indem er sich etwa auf das im vorigen Teil angesprochene in magisch realistischer Literatur vorkommende Spiel mit Anspielungen auf das Seltsame der von ihr beschriebenen Handlung bezieht. Ähnlich ist es mit der Begriffsbestimmung eines magischen Realismus als Vermengung magischer, irrationaler mit realistischen, rationalen Elementen. Mehr als eine statistische Feststellung kann dieser Ansatz nicht sein. Eine solche Reduktion ihres Schaffens auf ein „van buitenuit en willekeurig aangebracht addendum”[2] wird von magischen Realisten abgelehnt. Zudem ließe sich eine derartige Vermengung von Realem und Fantastischem wohl in vielerlei Literatur finden. Dennoch ist diese Feststellung, sofern sie nicht auf eine treffende Umschreibung des gesamten Genres abzielt, berechtigt und erfasst einen Teil des Ganzen. Ähnlich ist es bei anderen Modellen. Ernst Jünger betont die Bedeutsamkeit des Mythischen als dem Rationalen gleichwertiger Teil der Wirklichkeit und stößt damit ins selbe Horn wie Johan Daisne mit seinem Postulat: Wirklichkeit = Realität + Traum. Sie beschreiben damit gewissermaßen das (inhaltliche) Fundament, auf dem der magische Realismus baut. Hubert Lampo wiederum erschließt einen neuen Blickwinkel, der, etwas abseits von gewohnten Perspektiven, wieder einen neuen Puzzlestein zutage bringt. Mit den tiefenpsychologischen Prozessen, die sich hinter dem Entstehen und der Rezeption dieser Literatur verbergen könnten, entschlüsselte er möglicherweise die Mechanismen der Wirkung des magischen Realismus.

Somit ist weiter zu folgern, dass es nicht grundverschiedene, gegensätzliche Ansätze sind, die hier behandelt wurden, sondern ihre Diversität von ihren verschiedenen Perspektiven herrührt. Sie geben nicht drei verschiedene Auskünfte, sondern beantworten drei verschiedene Fragen über den magischen Realismus: jene nach Form, Fundament und Wirkung. Mir kommt nun aber noch die Aufgabe zu, die drei Puzzlesteine zusammenzufügen, mich zu entfernen und von dort das ganze Bild zu betrachten. Was ich nun sehe, ist vergleichsweise banal – denn wie so oft ist das von der Ferne betrachtete Bild des Ganzen weniger kompliziert als das unter die Lupe genommene Detail. Dennoch ist der Blick durch die Lupe notwendig, um das Ganze besser zu verstehen, und sei es nur, um im Detail Bestätigung zu finden für seine Gesamtbetrachtung, oder aber um daraufhin sein Gesamtbild zu überdenken und das Ganze, nach dem genauen Betrachten des einzelnen Puzzlesteins, mit anderen Augen zu sehen.

Die Schlussfolgerung, das Bild, das nach Zusammenstellung der verschiedenen Stücke erscheint, ist nicht neu. Es stimmt mit einigen am Beginn dieser Arbeit bereits angeführten Beschreibungen des magischen Realismus weitgehend überein. Wenn etwa von einer magisch realistischen Grundstimmung die Rede war oder der magische Realismus als Weltanschauung vorgestellt wurde, dann wurde damit genau dieser Aspekt angesprochen, den ich nun gleichsam als Definition und bestmögliche Beschreibung des magischen Realismus anführen möchte: Der magische Realismus als Ausdruck eines Zweifelns an der alleinigen Gültigkeit von fundamentalsten Prinzipien der Welt und unseres Denkens: an der Kausalität, an der Rationalität, und somit an einem deterministischen Weltbild, das, von den Naturwissenschaften längst aufgegeben, noch immer scheinbar unverrückbar unser Denken in Beschlag nimmt. Der magische Realismus ist Ausdruck eines Vermutens, ja einer Sicherheit, dass ein deterministisches Weltbild die Wirklichkeit nie vollständig erfassen kann, dass es Unbekannte und Mysterien gibt. Wir sprechen von magischem Realismus! Es liegt auf der Hand, dass ihm ein philosophischer Leitgedanke zugrunde liegt. Es vereint die magischen Realisten der Glaube daran, dass die Welt tatsächlich nicht so ist, wie sie für viele zu sein scheint, dass es Dinge gibt, die nicht mit den Mitteln unserer Rationalität erklärbar sind. Die Realität ist magisch – das Magische ist real.

Trotz dieser Erkenntnis, dass das Wesentliche der hier genannten Schlussfolgerung schon zu Beginn dieser Arbeit bekannt war, wurde dem Bild ein neuer Wert hinzugefügt. Die einzelnen Teilstücke wurden geordnet und benannt. Ist es anmaßend, den Versuch zu wagen, sie nun noch zu bewerten? Ich glaube nicht – solange nicht verschwiegen wird, dass sie eine Einheit bilden und nicht willkürlich voneinander getrennt werden können. Um hier zu einem Ergebnis zu kommen, muss nur noch ermittelt werden, was mit der Frage, was der magische Realismus sei, eigentlich gemeint ist. Stellt man damit die Frage nach der Form des magischen Realismus, nach seinem inhaltlichen Fundament, oder nach seiner Wirkungsweise? Eine Antwort, die alle drei Aspekte umfasst, ist natürlich am treffendsten. Muss man sich jedoch auf eine Antwort beschränken, oder entscheiden, welchen Aspekt man zuerst nennt, so wird man vermutlich das inhaltliche Fundament wählen, jenes Puzzlestück, das den eigentlichen Hintergrund dieser Richtung beschreibt, das den größtmöglichen Eindruck vom Gesamtbild wiedergibt. Daher will ich diese Arbeit im Hinblick auf eine zweckmäßige Beschreibung der literarischen Richtung des magischen Realismus mit einem kleinen Bekenntnis zu dessen Begründer und Theoretiker in Flandern, Johan Daisne, abschließen.



[1] Lampo 1978, S. 147

[2] Lampo 1978, S. 123