Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

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B. Grundlagen

I. Der magische Realismus

1. Einführung in den magischen Realismus

Über die Entstehungsphase des magischen Realismus herrscht in vielerlei Hinsicht Unklarheit. Die Frage, ob der Begriff des magischen Realismus auf die Malerei oder die Literatur zurückgeht, ist nicht eindeutig geklärt.[1] Zwar lässt sich seine erste Verwendung mit dem Jahr 1923 datieren, wo Franz Roh in einem Aufsatz[2] über den Münchner Maler Karl Haider erstmals von magischem Realismus spricht, doch verwendet, angeblich unabhängig von Roh, auch der italienische Schriftsteller Massimo Bontempelli kurze Zeit später denselben Ausdruck. Über die Frage, wo sich die Grundzüge der Bewegung zuerst abzeichneten, lässt sich wohl streiten. Doch der Streit wird gewissermaßen hinfällig, wenn man Jean Weisgerber Glauben schenkt. Dieser findet die erste Erwähnung bereits bei Novalis (1772-1801), der in seinem Allgemeinen Broullion (1798-1799) von magischem Realismus spricht und diesen vom magischen Idealismus unterscheidet.[3] Eine Überprüfung dieser Quelle ergibt allerdings wenig Brauchbares. Novalis bezieht sich damit weder auf die Literatur, noch schließt er an mit der heutigen Bedeutung vergleichbare Konzepte an:

„patholog[ische] phil[osophie]. Ein abs[oluter] Trieb nach Vollendung und Vollst[ändigkeit] ist Kranckheit, sobald er sich zerstörend, und abgeneigt gegen das Unvollendete, unvollst[ändige] zeigt.

Wenn man etwas bestimmtes thun und erreichen will, so muß man sich auch provisorische, best[immte] Grenzen setzen. Wer aber dies nicht will, der ist vollk[ommen], wie der, der nicht eher schwimmen will, bis er’s kann –

Er ist ein magischer Idealist, wie es magische Realisten giebt. Jener sucht eine Wunderbewegung – ein Wundersubject – dieser ein Wunderobject – eine Wundergestalt. Beydes sind logische Kr[anckheiten] – Wahnarten – in denen sich allerdings das Ideal auf eine doppelte Weise offenbart, oder spiegelt – heilige – isolirte Wesen – die das höhere Licht wunderbar brechen – Wahrhafte Profeten. So ist auch der Traum profetisch – Carricatur einer wunderbaren Zukunft.“[4]

Zwar kennt man heute innerhalb des jeweiligen Genres sehr wohl die Urheber des Begriffs des magischen Realismus, wo dieser aber zuerst auftauchte, in der Malerei oder in der Literatur, bleibt aber ungeklärt, und man muss sich mit bereits Bekanntem begnügen:

„Tatsächlich ist für den Begriff ‚magischer Realismus’ wohl eine Geburtsstunde, ein historischer Ursprung in der Mitte der zwanziger Jahre zu bestimmen, eine Vaterschaft aber nicht eindeutig zu ermitteln.“[5]

Für die vorliegende Studie ist diese Lücke jedoch von keiner Tragweite. Weder die Malerei noch die italienische Literatur der 20er Jahre sind hier schließlich primäres Thema.

Es sei im Folgenden dennoch ein kurzer Überblick über den Begriff des magischen Realismus in der Malerei gegeben. Die in den Zwanzigerjahren in ihren Wesenszügen definitiv neue Form der Malerei, die sowohl mit dem Begriff Neue Sachlichkeit als auch mit Magischer Realismus umschrieben wurde, definierte sich vorerst negativ[6]: Man benannte damit Bilder, die weder dem Impressionismus noch dem Expressionismus zugeordnet werden konnten und sich durch eine ungewohnte Gegenständlichkeit auszeichneten. Ein gemeinsames Merkmal dieser Bilder liegt in der dem Realismus ähnlichen Maltechnik, wobei die Motive aber durch die unwahrscheinliche Komposition der an sich realistischen Elemente nicht der (oberflächlichen) Wirklichkeit entnommen sind[7] und außergewöhnliche Betrachterstandpunkte und subtil verzerrte Bildperspektiven zusätzlich zu einer leichten aber wesentlichen Verfremdung beitragen. Als eine der wenigen theoretischen Schriften zu dieser damals neuen Richtung in der Malerei gilt Franz Rohs Nach-Expressionismus. Magischer Realismus. Probleme der neuesten Europäschen Malerei (1925). Darin wird allerdings – ganz im Gegensatz zu späteren vor allem in der Literatur geltenden Definitionen – von einer „Magie des Seins, des schon vorgestaltet Seins überhaupt“[8] gesprochen, beziehungsweise davon, dass der magische Realismus „das ‚rationale’ Geordnetsein der Welt als ein Wunder verehrt“. Ob diese Umschreibung treffend das Wesen des magischen Realismus in der Malerei beschreibt, ist fraglich. Für die Literatur sei bereits vorweggenommen, dass das nicht der Fall ist. Denn dort geht es im Grunde nicht darum, dass die Rationalität als ein Wunder und somit als magisch betrachtet würde, sondern vielmehr wird das rationale Geordnetsein der Welt in Zweifel gezogen und der Wirklichkeit eine magische irrationale Komponente hinzugefügt.

Programmatische Äußerungen zum magischen Realismus in der Malerei bleiben auch später die Ausnahme. Trotzdem lassen sich übergreifende Merkmale feststellen.[9] Ein magisch realistisches Grundprinzip, das sich, von heutiger Perspektive aus betrachtet, erkennen lässt, beherrscht bereits die Vertreter in der Malerei: „Belangrijk is dat het magische niet vreemd is aan de werkelijkheid, maar daarentegen hieraan ten grondslag ligt.”[10] Man versucht, die Realität so abzubilden, dass ihr Fundament, das als im Grunde magisch erfahren wird, sich dem Betrachter auch so offenbart. Hiermit liegt dem magischen Realismus ein Auftrag zugrunde, der darin besteht, die magisch realistische Welterfahrung zu vermitteln. Dieser „Mission“ sind technische Aspekte, wie etwa die Form, worin das geschieht, untergeordnet. Dennoch werden formale Kriterien genannt, die für diesen Zweck unerlässlich sind und darin bestehen, dass der Maler im Hinblick auf seine Maltechnik versucht, seine eigenen Spuren zu verwischen. Lediglich zur Verdeutlichung darf die realistische Wiedergabe verfälscht werden, ansonsten beschränkt sich die künstlerische Freiheit auf die Wahl und Komposition des Motivs.[11]

In der Literatur wurde der Begriff magischer Realismus vom italienischen Schriftsteller Massimo Bontempelli geprägt. Es wird angenommen, dass er ihn von Franz Roh übernahm:

„Wij stellen als hypothese voorop, dat Bontempelli bewust of onbewust de benaming aan Roh ontleende. Meer dan een hypothese kan het niet zijn, aangezien Bontempelli Roh nooit citeert”[12].

Heute stellt der Begriff im engeren Sinn die Summe einer Anzahl auf verschiedene Länder Europas aber auch Südamerikas verteilter Bewegungen oder Einzelpersonen dar. Dazu gehören in Deutschland etwa Ernst Jünger (1895-1998) und Hermann Kasack (1896-1966), in Italien Massimo Bontempelli (1878-1960), in Südamerika Alejo Carpentier (1904-1980) und Jorge Luis Borges (1899-1986), in Frankreich Pierre Benoît (1886-1962) und schließlich in Flandern Johan Daisne (1912-1978) und Hubert Lampo (1920-). In der nordniederländischen Literatur fehlt, eventuell abgesehen von Grenzfällen wie Simon Vestdijk (1898-1971) und Ferdinand Bordewijk (1884-1965), der magische Realismus gänzlich[13], sofern man sich vorerst auf Autoren beschränkt, die sich ihres magischen Realismus bewusst waren und sich selbst dazu bekannten oder deren magischer Realismus allgemein anerkannt und kaum bestritten wird. Grenzüberschreitende Kontakte zwischen den Vertretern sind rar, da sich explizit magisch realistische Literatur in den Zwanziger- ebenso wie in den Siebzigerjahren findet, jedoch immer nur eine mehr oder weniger unbedeutende Bewegung darstellte.

Von welchem Blickwinkel aus man den magischen Realismus auch betrachtet, er steht innerhalb der Literaturwelt immer als eine außergewöhnliche Erscheinung da. Die Moderne Encyclopedie van de Wereldliteratuur bringt eine der Hauptschwierigkeiten, die die Verwendung des Begriffes mit sich bringen, schon im ersten Satz auf den Punkt: „Artistieke, met name literaire stroming, die zich, ondanks een nogal verbreide opvatting als zou het om een universeel verschijnsel gaan, vooral in de 20ste eeuw en wel vanaf het eind der jaren twintig manifesteerde.”[14] Ohne bereits hier ins Detail zu gehen (das soll an späterer Stelle geschehen), sei erwähnt, dass von verschiedenen Seiten die Auffassung verbreitet wird, der magische Realismus sei nicht als künstlerische Strömung oder Bewegung zu verstehen, sondern stattdessen als eine Art Weltanschauung, die bestimmten Künstlern, unabhängig voneinander, zu Eigen ist. Im Wesentlichen werde ich mich dieser Position im Laufe dieser Arbeit anschließen. Einer der Gründe dafür ist die Entstehungsgeschichte des magischen Realismus, in der jede Art von Gründung oder Ausrufung eines Programms fehlt und an deren Anfang die Zusammenfassung verschiedener Künstler, die keiner der bereits bestehenden Richtungen zugeordnet werden konnten, unter der Bezeichnung Neue Sachlichkeit und später magischer Realismus steht, wie Van de Putte erläutert: „Het [magisch-realisme] dekte geen kunsttheorie of programma van een kunstenaar of een groep kunstenaars, maar voldeed aan het verlangen van een criticus om een naam te geven aan een reeks verwante kunstuitingen die grondig verschilden van andere gelijktijdige stromingen in het kunstleven.”[15] Es entstanden als an mehreren Orten unabhängig voneinander vergleichbare Konzepte. Ohne nennenswerte Verbindungen, grenzüberschreitende Kontakte, Korrespondenzen, literarische Zeitschriften oder sonstige Bewegungen, die sich die Verbreitung dieser Strömung auf die Fahnen geschrieben hätten, konnte eine mehr oder weniger geradlinige Entwicklung verschiedener Künstler in verschiedenen Ländern stattfinden, deren Zusammenfassung unter dem Titel magischer Realismus als gerechtfertigt erscheint. Die Bestrebungen, das Bild einer zufälligen geistigen Verwandtschaft mit ähnlichen Lebensauffassungen entstehen zu lassen, finden ihren Höhepunkt in Theorien, die nicht mehr von einer Weltanschauung sprechen, sondern von einem Phänomen, das sich nicht nur in dieser Kunstform vollzieht, sondern Kunst im Allgemeinen kennzeichnet. Diese breite Auffassung wird hauptsächlich von den magischen Realisten selbst verbreitet und steht gegenüber einer schmalen, die bei der konventionellen Idee einer künstlerischen Strömung bleibt und nicht mehr sieht, als eine von vielen Richtungen.

Flandern macht mit seinen zwei Vertretern auf den ersten Blick nur einen geringfügigen Teil dieser literarischen Richtung aus. Zwar wurden Daisnes und Lampos Bücher in zahlreiche Sprachen übersetzt und oft neu aufgelegt, von großer internationaler Bekanntheit mag man dann aber doch wieder nicht sprechen. Auch war der Begriff magischer Realismus schon ein bis zwei Jahrzehnte in Verwendung, als ihre ersten Texte veröffentlicht wurden. Sie waren also nicht maßgeblich an der Konstruktion der Grundpfeiler des magischen Realismus beteiligt. Erst gegen Ende der Dreißigerjahre taucht eine erste magisch realistische Erzählung auf, Gojim (1938), eine Novelle von Daisne, bleibt aber eher im Hintergrund des literarischen Geschehens dieser Zeit. Ganz im Gegensatz zu De trap van steen en wolken (1941), das drei Jahre später eine kleine Umwälzung der flämischen Literatur einläutet. Doch Daisne macht kein Geheimnis daraus, dass er sich mit seinem neuen Genre auf die Vorarbeit anderer Literaten, namentlich Massimo Bontempelli, stützt. Dennoch ist das Werk von Daisne und Lampo, auch von internationaler Perspektive aus betrachtet, interessant. So verhalfen sie dem magischen Realismus innerhalb Flanderns zu allgemeiner Popularität, was Exponenten in anderen Ländern, vielleicht abgesehen von den Lateinamerikanern, oft nicht im selben Maße gelang. Die zahllosen Romane, die aus ihrer Feder flossen, sind ein nicht mehr zu übersehendes Faktum der flämischen Literatur, und Interpretationen davon haben in Studien über den internationalen magischen Realismus einen Fixplatz[16]. Lampo gelang es immer wieder, mit Bestsellern aufzuwarten, und beide Autoren erhielten wichtige Literaturpreise. Daisne bekam gleich zweimal den alle drei Jahre ausgegebenen belgischen Staatspreis. Lampos De komst van Joachim Stiller erlangte nicht nur den Staatspreis, sondern zählt zu den Meilensteinen der flämischen Literatur. Zudem ist Lampo einer der Vorläufer im Hinblick auf neue Betrachtungsweisen vieler Aspekte des magischen Realismus. So entwickelte er ein wissenschaftlich untermauertes Modell, das seine Wesenszüge ergründet und ihre Wurzeln in der Tiefenpsychologie findet.

Kurz zusammengefasst ergibt sich also folgendes Bild: Etwa zur gleichen Zeit wie der magische Realismus in der Malerei entstand eine gleichnamige Strömung in der Literatur, ohne damit jedoch jemals vergleichbare Erfolge zu erzielen. Der Leitgedanke einer Realität, die auf magische und dennoch realistische Art und Weise dargestellt werden sollte, ist beiderseits vorhanden; die literarische Form dieser Strömung stützt sich aber auch auf darüber hinausgehende Prinzipien. Verschiedene programmatische Schriften, die die theoretische Grundlage des magischen Realismus darlegen, ändern nur wenig an der Tatsache, dass es sich nie um eine eng verbundene Gruppe Gleichgesinnter handelte, sondern immer eher um einen Sammelbegriff für ähnliche aber oft in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten unabhängig voneinander auftauchende künstlerische Initiativen mit demselben Grundgedanken. Flandern sticht durch gleich zwei populäre Vertreter hervor und unterscheidet sich von anderen Ländern, in denen entsprechende Gruppierungen auftraten, durch den vergleichsweise großen Erfolg, den man dort feierte. Außerdem legte der flämische magische Realist Hubert Lampo den Grundstein für eine neue Betrachtungsweise, die in ihren Erklärungsmodellen aus der Tiefenpsychologie schöpft.

2. Der magische Realismus als Weltanschauung

Immer wieder wird von verschiedenen Seiten angeführt, dass der magische Realismus zwar einerseits eine literarische Richtung ist, sich zugleich aber auch als Weltanschauung versteht und die Literatur als Mittel betrachtet wird, eine Sicht auf Welt, Leben und Mensch zu propagieren. Um Missverständnisse zu vermeiden, muss dem gleich hinzugefügt werden, dass er kein ethisches oder politisches Engagement verfolgt.[17] Lediglich einige von Franz Roh als linke Gruppe des magischen Realismus in der deutschen Literatur bezeichnete Autoren, zu denen unter anderem Berthold Brecht zählt, stellten es sich zur Aufgabe, herrschende soziale Zustände anzuklagen. Sie werden aber im Allgemeinen eher der in der Literatur vom magischen Realismus abweichenden Neuen Sachlichkeit zugeordnet.[18] Im Wesentlichen bestehen die weltanschaulichen Ambitionen des magischen Realismus darin, „de diepere grond van de werkelijkheid bloot te leggen“[19], und zwar nicht das Fundament einer subjektiven, psychologischen, sondern jenes einer objektiven, philosophischen Wirklichkeit. Auf mystifizierende Weise werden unserer Logik verborgen bleibende ontologische Grundprinzipien thematisiert.

Erhöhte Aufmerksamkeit ist in diesem Zusammenhang bereits der Benennung dieses Genres zuzuwenden, zumal Daisne für sein Werk zuvor kurzzeitig den Ausdruck fantastisch-realisme verwendete.[20] Durch „fantastisch“ wird hier jedoch der Ausdruck „Realismus“ in gewisser Hinsicht relativiert. Wenn auch fantastischer Realismus keinen Widerspruch in sich darstellen muss. So kann auch eine in jeder Hinsicht fantastische, also fiktive Erzählung ohne Wirklichkeitsanspruch welcher Form auch immer, sehr wohl realistisch sein. Literarischer Realismus braucht mit der alltäglichen Wirklichkeit nicht exakt übereinzustimmen:

„Dit hang daarmee saam dat ‘n roman ‘n herskepping is, en nie ‘n nabootsing van die werklikheid nie.

Die begrip realisme hou dus interaard verband met die wyse waarop die romanwerklikheid uitgebeeld word. Of ‘n roman realisties is of nie, hang af van die gedetailleerdheid van die romanwerklikheid, die noukeurigheid van die definiëring.”[21]

Der magische Realismus bildet in diesem Punkt aber eine Ausnahme. Der Ausdruck Realismus bezieht sich hier nicht ausschließlich auf die Genauigkeit, mit der die Romanwirklichkeit dargestellt wird, sondern auch auf den bereits angedeuteten Auftrag, dem er sich verpflichtet sieht. Denn gerade diesen elementaren Aspekt bringt fantastischer Realismus nicht zutage. Nämlich, dass die Welt auf eine besondere Weise wahrgenommen wird, dass es sich also nicht um eine in jeder Hinsicht fantastische Erzählung ohne Wirklichkeitsanspruch handelt. Der Ausdruck Realismus beinhaltet in unserem Fall also nicht nur den technischen Gesichtspunkt einer detailliert beschriebenen Romanwirklichkeit, sondern auch den weltanschaulichen einer Beleuchtung eines Aspekts der tatsächlichen Wirklichkeit, nämlich jenes Teils unserer Welt, der mit den Mitteln unserer Rationalität nicht mehr erklärbar ist, was aus dem Ausdruck magisch hervorgeht. Magischer Realismus besteht daher in zweierlei Hinsicht. Die weltanschauliche Ansicht des magischen Realismus liegt darin begründet, dass ein solcher, sich der Rationalität entziehender, magischer Aspekt in der Wirklichkeit vermutet wird: „De magisch-realistische auteur gaat uit van de overtuiging dat de zintuiglijke wereld de enige noch de echte is.”[22] Doch der magische Realismus tut noch mehr, als einen solchen Aspekt nur zu vermuten. Er versucht zugleich, auf literarischem Weg, diese „fantastische keerzijde van de realiteit“[23] dingfest zu machen. Das geschieht durch das technische Mittel des magischen Realismus:

„Zoals ik eerder stelde, ontleent de magische dimensie in een dergelijk geval onrechtstreeks haar intensiteit aan een zo nauwkeurig mogelijke voorstelling van de realiteit, waarop zij een respons is, tegengesteld dus aan de sprookjessfeer die zich de buitenstaander ten onrechte als uitgangspunt zou kunnen voorstellen.”[24]

Daisne sieht hiervon im Besonderen seine zweite Schaffensperiode, den klassischen magischen Realismus[25], betroffen: „Door de gewaarwording van ’s levens mysterie te onderhouden, is het classiek magisch-realisme tegelijk aarde en hemel voor de sterveling: het verhevigt en verheft ons levensgevoel tot iets... bovenzinnelijks. Ziedaar de bepaling van alle kunst en van alle... magie.”[26] Mit der Interpretation seines Genres änderten sich auch seine Anforderungen daran. Er sah es nicht mehr als literarisches Spiel, dessen Ziele durchaus auch ästhetischer Natur sind, sondern als Erfüllung eines Auftrages, den er als Dichter in sich verspürt, uns unseren eigenen Zustand als einerseits durchaus „gewöhnlich“, andererseits aber auch genügend seltsam und unerklärlich, kurz fantastisch, zu präsentieren.

Und auch bei Lampo finden sich derartige Hinweise. So erklärt er wiederholt, den magischen Realismus nicht als Genre zu betrachten, sondern als „levenshouding“: „Steeds duidelijker ben ik mij er rekenschap van gaan geven dat het magisch-realisme véél minder een genre is dan de uitdrukking van een levenshouding.”[27] Hier tut sich eine interessante Kluft auf, die erkennen lässt, in welch einsamer Position sich der magische Realismus im literarischen Kontext seiner Zeit befindet. Im Gegensatz zu literarischen Genres oder Strömungen, die sich in erster Linie auf andere derartige Bewegungen stützen – und sei es nur indem sie sich von diesen bewusst absetzen – wird im magischen Realismus von seinen Vertretern eine gewisse Authentizität gesehen, die von dieser Selbstständigkeit herrührt. „Als zodanig maakt het [magisch-realisme] aanspraak op boventijdelijkheid en universaliteit”[28].

Nun kann dieser Standpunkt in verschiedener Weise interpretiert werden. Eine gewisse Selbstständigkeit im ästhetischen Sinne kann Lampos Schaffen ohne weiteres bescheinigt werden. Doch darum geht es nicht. Die ästhetischen Ambitionen sind schon im magischen Realismus in der Malerei äußerst gering. Es sei daran erinnert, dass sich der magisch realistische Maler zwar durch perfekte technische Beherrschung des Malens auszeichnet, dass die Technik aber nur als Mittel zum Zweck dient. Eine Übertragung dieses Gedankens auf die Literatur macht durchaus Sinn. Auch in Lampo finden wir einen in makelloser Sprache schreibenden Künstler wieder, was ihm selbst von seinen härtesten Kritikern bescheinigt wird. Doch er stellt sein Schreiben in den Dienst seiner Eingebung. Das soll nicht bedeuten, dass Ästhetik keine tragende Rolle im magischen Realismus spielt. Die Form ist schließlich entscheidender Faktor für die Vermittlung des Inhaltes, nur ist dieser Inhalt nicht ästhetischer Natur. Den Wortkünstler im Sinne von Lampo sucht man bei Daisne vergeblich. Über seinen oft als zu manieristisch bezeichneten Stil gehen die Meinungen auseinander. So ist in einem rezenten Artikel in der belgischen Tageszeitung De Morgen selbst Sprache von „een kreupele lamgeslagen vorm van iets wat ooit op Nederlands geleken moet hebben”[29]. Doch im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Form und Inhalt gilt auch bei ihm, dass er die Form seiner Werke in den Dienst der übergeordneten (inhaltlichen) Absicht stellt, die er mit seinem Schreiben verfolgt. So erfolgt die Vermittlung einer Art von platonisch dualistischem Weltbild in De trap van steen en wolken zu großen Teilen durch einen formalen Aspekt, nämlich durch die Struktur, die diesem Roman zugrunde liegt.

3. Magischer Realismus als Vermengung von realen und irrealen Elementen?

Nicht selten wird das Wesen des magischen Realismus in Kurzbeschreibungen als das Nebeneinander von realen und magischen, also irrealen Inhaltselementen beschrieben:

„Als hoofdbestanddeel van het begrip [magisch-realisme] wijst ‘realisme’ hier op het aandeel van de realiteit (het dagelijks leven) als inspiratiebron, maar ook op het [...] aandienen van de verhaalwerkelijkheid, zelfs al bevat deze elementen die volgens het ‘gezond verstand’ eerder in een of andere vorm van een denkbeeldige realiteitsbeleving thuishoren. Juist door dit invoeren van nu eens echt fantastische, onirische, dan weer slechts ongewone of enigszins geïdealiseerde elementen ontstaat de problematische ‘magie’.”[30]

Alles in allem kann hier der Eindruck entstehen, der magische Realismus spiele mit der Wirklichkeit. Es würden bewusst Situationen völlig unrealistischer Natur mit ‚nur seltsamen’ und schließlich realistischen Elementen vermengt, um durch die daraus resultierende Verwirrung im Leser den „magisch realistischen Effekt“ zu bewirken. Diese Sichtweise wird jedoch von den flämischen magischen Realisten als unvollständig und keinesfalls treffend abgelehnt. In diesem Punkt herrscht Einigkeit, wenn auch die Gründe dafür verschieden sind. Zwar wird nicht bestritten, dass magische wie realistische Elemente Teil magisch realistischer Literatur sind, doch bedarf es noch anderer Eigenschaften, um zu einer passenden Umschreibung zu kommen.

Bei Lampo spielt der Entstehungsprozess eines Werkes eine ausschlaggebende Rolle für die Frage, ob es als magisch realistisch bezeichnet werden kann. Er weist darauf hin,

dat het magisch element in geen geval als een van buitenuit en willekeurig aangebracht addendum mag beschouwd worden. Mijn ervaring als schrijver zowel als lezer heeft mij geleerd dat het hoegenaamd niet voldoende is de reële wereld en het reële gebeuren met een irreële uitloper tot in het materieel onwaarschijnlijke of onmogelijke door te trekken opdat men in de sfeer van het waarachtig magisch-realisme zou terechtkomen. Hiertoe is een veel ingewikkelder proces vereist, dat ik oppervlakkig als volgt zou willen formuleren: het magisch-realisme komt slechts tot stand wanneer onder het schrijven zich aan de auteur zelf het fenomeen der magie voltrekt.”[31]

Wahrhaftig magisch realistische Literatur ist für Lampo also immer mit einem bestimmten Inspirationsprozess verbunden. Einzelheiten dazu sollen an späterer Stelle noch zur Sprache kommen.

Daisne geht es insbesondere darum, dass reale und magische Elemente in magisch realistischer Literatur nicht kombiniert werden, sondern vielmehr als Teile der Wirklichkeit erkannt. Dass er den magischen Realismus als Weltanschauung betrachtet, ist hierbei von Bedeutung:

„Magie is dus niet een gewoon spelletje waarin fantasie en realiteit tegen elkaar worden uitgespeeld, zodat men een poosje in een doolhof rondzwalkt om ten slotte weer op de straatstenen voor de kermistent te staan, na een beetje sensatie-om-de-sensatie te hebben beleefd.”[32]

Würde es sich um eine gewöhnliche literarische Strömung handeln, so wäre nichts an „sensatie-om-de-sensatie“ auszusetzen. Da sich Daisne aber des Auftrags bewusst ist, den er sich selbst auferlegt, sind seine Ambitionen nicht ästhetischer Art, sondern sie beziehen sich auf ein auf die Literatur übertragenes Weltverständnis, das zu einem späteren Zeitpunkt noch erläutert wird.

Es ergibt sich also jener Sachverhalt, dass das gemeinsame Vorkommen von magischen und realen Inhaltselementen zwar ein Merkmal magisch realistischer Literatur ist, das allein aber nicht für den magisch realistischen Gehalt eines Werkes entscheidend ist. Es resultiert daraus, dass sich mehr hinter dieser Bezeichnung verbirgt, als ein oberflächliches strukturelles Merkmal. Was das bei den behandelten Autoren ist, das soll hier ermittelt werden.

4. Die „magisch realistische Grundstimmung“

Magischer Realismus ist ein vielschichtiger Begriff. Selbst wenn man die Malerei ausklammert, so finden sich unter dieser Benennung Autoren von verschiedensten Ländern, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten aktiv waren. Dennoch lässt sich aus den vorhergehenden Ausführungen ein gemeinsamer Geist all dieser Umsetzungen erkennen, der in weiterer Folge als die magisch realistische Grundstimmung bezeichnet wird.

Um den „überregionalen Charakter“ dieser Grundstimmung zu dokumentieren, kommt hier ein nicht flämischer Autor ans Wort.[33] In einem Essay mit dem Titel Sizilischer Brief an den Mann im Mond (1930) legt der deutsche magische Realist Ernst Jünger ein prägendes und seine Denkweise veränderndes Erlebnis dar. So beschreibt er die beiden kontrastierenden Welterfahrungen, die er in seinem Leben gekannt hat, und wie er letztendlich zu der Erkenntnis kam, dass beide ihre Berechtigung haben.

In seiner Kindheit war die Wahrnehmung seiner Umwelt einem magischen Urverständnis unterworfen, das in den Dingen nicht bloße Objekte sah, sondern Zeichen. So war der Mond nicht etwa ein Himmelskörper, dessen Umlaufbahn sich mathematisch berechnen lässt und dessen Oberflächenstruktur geologische Fakten darstellt, sondern sah er darin den Mann im Mond, ein geheimnisvolles Wesen, zugleich Gegenstand von Furcht und Faszination. Seine gesamte Umgebung veränderte sich im Rausch der kindlichen Fantasie:

„Versunken schien mir auch mein kleines Zimmer, in dem ich mich im Bette aufgerichtet hatte, eingetaucht in eine Verlassenheit, die zu tief ist, als daß sie von Menschen durchbrochen werden könnte. Lautlos und regungslos standen die Dinge im fremden Licht wie Meereswesen, die man unter einem Vorhang von Algen auf dem Grund erblickt. Schienen sie nicht rätselhaft verändert“[34].

Diese irrationale Wahrnehmung ist für Jünger gewissermaßen „realitätsbezogener“ als die unser modernes Weltverständnis beherrschende Nüchternheit: „[...] ist eine einzige Faust voll Erde nicht mehr als eine ganze Welt, die auf der Landkarte steht?“[35]

Der Bruch mit der am Beispiel des Kindlichen demonstrierten rauschenden Welt findet dort statt, wo die Unendlichkeit vom Zeichen zur Zahl wird.[36] Man erfährt, „daß sich hinter dem Mann im Monde ein Licht- und Schattenspiel von Ebenen, Gebirgen, ausgetrockneten Meeren und erloschenen Ringkratern versteckt“[37]. Unser rationales Denken entzaubert das ursprüngliche magische Bild der Welt. Dennoch bleibt eine Spur davon erhalten. An den menschlichen Bestrebungen, mit fremder Intelligenz im Weltall in Verbindung zu treten, „entzückt eine seltsame Mischung von Nüchternheit und Fantasie.“[38] Es offenbart sich darin der alte magische Geist des Menschen, „mit allen Voraussetzungen des abstrakten Denkens in Einklang gebracht und von der modernen Technik maskiert.“[39] Wir haben also unser Gespür für diese Erfahrungswelt noch nicht zur Gänze verloren; „wir gleichen einem Blinden, der zwar nicht zu sehen vermag, doch der das Licht an seiner dumpferen Eigenschaft der Wärme verspürt.“[40]

Das Essay endet in der Erkenntnis, dass „das Wirkliche ebenso zauberhaft, wie das Zauberhafte wirklich ist“[41]. Während einer Wanderung in den Schluchten des Monte Gallo erkennt Jünger, „daß ein Tal wie dieses mit seiner steinernen Sprache den Wanderer eindringlicher ergreift, als es einer reinen Landschaft möglich wäre, oder daß, anders gesprochen, eine solche Landschaft über tiefere Kräfte verfügt.“[42] Die Erfahrung steht am Beginn einer neuen Sehweise:

„Denn zum ersten Male löste sich hier ein quälender Zwiespalt auf, den ich, Urenkel eines idealistischen, Enkel eines romantischen und Sohn eines materialistischen Geschlechtes bislang für unlösbar gehalten hatte.“[43]

Die beiden Weltbilder verschmelzen für den Autor zu einem unzertrennlichen Ganzen: „beide zugleich sind [...] notwendig zur Erfassung der vollen Wirklichkeit.“[44]

Jünger drückt aus, was den magischen Realismus im Grunde seines Wesens bedingt und was demnach auch ausnahmslos die Art magisch realistischer Werke bestimmt. Der menschliche Drang, zu systematisieren, die Welt „objektiv“ zu beschreiben, führt unvermeidlich zum Verlust eines großen Teiles dessen, was die Welt ureigentlich ist. Wer sich nun voll und ganz einer derartigen systematisierenden, positivistischen Denkart hingibt, dem entgeht dieser Teil der Welt. Der magische Realismus ist Ausdruck eines in unserem Weltverständnis vernachlässigten Teiles der Wirklichkeit. Doch bildet der magische Realismus nicht nur die vernachlässigte magische Seite aus, sondern er bemüht sich vielmehr, das mythisch-rationale Ganze zu veranschaulichen. So sind alle hiernach untersuchten Werke (auch) Ausbildungen dieser Welterfahrung und stehen alle den magischen Realismus abstrahierenden Erläuterungen – wenn sie auch oberflächlich sehr unterschiedlich erscheinen mögen – im Zeichen dieser Erkenntnis. Konkret kann sich das in den Werken sehr unterschiedlich äußern. Es ist aber bei eingehender Betrachtung stets die magisch realistische Grundstimmung einer dualistischen, aus einander scheinbar ausschließenden Elementen bestehenden Welt zu verspüren.

Diese Beschreibung, obwohl sie bereits Schlussfolgerungen vorwegnimmt, sei der nachfolgenden Untersuchung vorangestellt. Die magisch realistische Grundstimmung soll noch mehrmals zur Sprache kommen und dort als Orientierungshilfe dienen, wo in der Vielfalt der möglichen Ansätze für Vergleiche eine Entscheidung notwendig ist; wo man sich auf Einzeldarstellungen beschränken muss, um der Untersuchung eine gewisse Tiefe zu verleihen.



[1] Vgl. Fluck 1994, S. 133 und Scheffel 1990, S. 16

[2] Entgegen der Vermutung von Christiane van de Putte, der Aufsatz sei nie publiziert worden (Van de Putte 1979, S. 3), konnte Michael Scheffel diesen sehr wohl ausfindig machen. Ursache ist wohl eine falsche Angabe Franz Rohs zum Erscheinungsjahr (Vgl. Scheffel 1990, S. 7 ff. und v.a. Fußnote 36).

[3] Siehe Weisgerber 1985, S. 203

[4] Kluckhohn; Samuel 1983, Bd. 3, S. 385

[5] Scheffel 1990, S. 16

[6] Vgl. Scheffel 1990, S. 9

[7] Vgl. Van de Putte 1979, S. 4-16

[8] Roh 1925, S. 30

[9] Vgl. Van de Putte 1979, S. 12

[10] Van de Putte 1979, S. 17

[11] Vgl. Van de Putte 1979, S. 11

[12] Van de Putte 1979, S. 60

[13] Vgl. Van de Putte 1979, S. 2

[14] Bachrach 1980, Bd. 6, S. 52

[15] Van de Putte 1979, S. 3-4

[16] Scheffel (1990) und Fluck (1994) widmen ihnen ein eigenes Kapitel.

[17] Vgl. auch Van de Putte 1979, S. 248-249

[18] Vgl. Van de Putte 1979, S. 22-23

[19] Van de Putte 1979, S. 23

[20] Vgl. Van de Putte 1979, S. 32

[21] Engelbrecht 1974, S. 69

[22] Van de Putte 1979, S. 248

[23] Daisne 1943, S. 277

[24] Lampo 1988, S. 199

[25] Eine genauere Darstellung der Unterschiede beider Perioden liefert Kapitel B.III.1.

[26] Daisne 1966, S. 73

[27] Lampo 1978, S. 22, vgl. auch Van de Putte 1979, S. XI

[28] Van de Putte 1979, S. IX

[29] De Morgen, 03.02.2005

[30] Bachrach 1980, Bd. 6, S. 52

[31] Lampo 1978, S. 123

[32] Daisne 1966, S. 68

[33] Es werden sich noch genug Gelegenheiten bieten, die flämischen Vertreter ans Wort zu lassen.

[34] Jünger 1999/b, S. 11

[35] Jünger 1999/b, S. 12, vgl. auch mit Daisne 1966, S. 66: „Het geringste ding vormt een wonder, dat wil zeggen een werkelijkheid in een gloor van geheimzinnigheid, een verwarrende stralenkrans van veelbetekenendheid. De gedichten die ik later, tijdens een barre bezettingswinter, op de weidse gloed van een electrisch komfoortje, of, na een vreedzame avondwandeling met mijn zoontje Evert door het platteland, op een aardappel heb geschreven, zijn niets dan het ernstige spel van de volwassen dichter, die de magie der jeugd nogmaals zoekt te beleven en daarvan te getuigen.”

[36] Vgl. Jünger 1999/b, S. 14

[37] Jünger 1999/b, S. 14

[38] Jünger 1999/b, S. 18

[39] Jünger 1999/b, S. 18

[40] Jünger 1999/b, S. 20

[41] Jünger 1999/b, S. 22

[42] Jünger 1999/b, S. 21

[43] Jünger 1999/b, S. 22

[44] Ernst Jüngers Magischer Realismus, S. 22