Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

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C. Praxis

I. Lampos andere Seite

Beschränkt man sich ausschließlich auf die bisher beschriebene Sichtweise von Lampos Schreiben, so mag man zwar einerseits zweifellos auf entscheidende Aspekte seiner Literatur stoßen, andererseits wird man jedoch durch den spezifischen Charakter dieser Theorie geschickt an einigen Tatsachen vorbeigelenkt. Besonders in Bezug auf bisher nur bei Daisne angewandte Interpretationsmodelle lassen sich noch neue Perspektiven auf Lampos magischen Realismus erschließen. Wenn Lampo in De Wortels der verbeelding auch schreiben mag, dass es sich auf nicht mehr als eine Namensgleichheit des ausgeübten Genres stützte, dass man ihn in die Fußstapfen seines älteren Kollegen Daisne steigen sah[1], so muss doch konstatiert werden, dass diese Namensgleichheit zum einen von Lampo selbst initiiert wurde und dies zum anderen mit Recht geschah. Im Vorwurf der verlogenen Oberflächlichkeit[2], der sich gegen „een niet gering aantal elkaar napratende critici, academici en journalisten“[3] auf Grund von deren Vergleichen seiner mit Daisnes Literatur richtete offenbart sich der gekränkte Autor, der durch die Feststellung der Ähnlichkeit beider Oeuvres einige seiner oft sehr harten Kritiker bereits zum nächsten Schritt ansetzen sieht – dem Gleichsetzen beider Autoren. Zu einer Gleichsetzung gab es jedoch keinen Anlass. Bei allen Parallelen, die man bei gründlicher Lektüre beider Autoren ohne Zweifel feststellen konnte, sind Eigenständigkeit und vor allem eigene Inspiration bei beiden doch unübersehbar.

1. De komst van Joachim Stiller

De komst van Joachim Stiller gilt als der magisch realistische Roman von Hubert Lampo schlechthin. Das ist nicht nur durch den Umstand begründet, dass De komst das bei weitem meistgelesene Buch Lampos ist und zudem als sein erster zur Gänze magisch realistischer Roman gilt, dieses Bild von De komst gründet sich auch auf handfeste inhaltliche Tatsachen. Lampo selbst stellt hier das ausgeprägte archetypische Gefüge des Texts in den Vordergrund und verweist auf das sich bereits in Terugkeer naar Atlantis abzeichnende Zurückgreifen auf das kollektive Unbewusste, das ihm einen wahren Schatz an archetypischem Material bot, von dem er von nun an in reichem Maße Gebrauch machen sollte. Doch ist es nicht einseitig, De komst archetypisch abzuhandeln und die Interpretation anschließend als abgeschlossen zu betrachten? Es sind durchaus derartige Stimmen zu hören:

„Een systematisch onderzoek is totnutoe geblokkeerd, omdat men Lampo’s verklaring kritiekloos overneemt dat met behulp van archetypen en het thema ‘angst’ het verhaal begrepen kan worden.”[4]

Joachim Stiller ist freilich eine universale Figur und wurde von Lampo als solche den Archetypen zugeordnet. So wird er charakterisiert als jemand, dem es „in hoge mate aan persoonlijkheid ontbreekt“ (S. 88), oder als jemand, „die helemaal niét bestaat“ (S. 88). Und doch ist Joachim Stiller ein konkretes Faktum im Roman. Wenn ihm auch offenbar außergewöhnliche und logisch nicht erklärbare Mittel zur Verfügung stehen, handelt es sich doch um eine konkret handlungsfähige Person. Er schreibt Briefe, führt Telefongespräche und erscheint am Ende leibhaftig. Groenevelt fragt: „Geloof jij, dat we een verklaring moeten zoeken in... Enfin, in het bovennatuurlijke?” (S. 129), und er spricht damit genau jenen Punkt an, der in Interpretationen des Romans zu wenig Beachtung findet. Stillers tatsächliche Existenz (innerhalb der Romanwirklichkeit) und sein übernatürliches Wesen machen eine diese Komponenten miteinschließende Deutung seiner Person unverzichtbar.

Der südafrikanische Literaturwissenschaftler Herman Engelbrecht hat De komst einer umfassenden Strukturanalyse unterzogen und stieß dabei auf zwei bedeutungsgebende Teile, die sich hierfür geradezu anbieten. So unterscheidet er zwischen einerseits der Symbolik, die durch das messianische Bild von Joachim Stillers Ankündigung, Erscheinen, Tod und Auferstehung entsteht, und andererseits einer Reihe von 16 über den ganzen Roman verteilten (magisch realistischen) Bildern[5]. Zusammen betrachtet er diese beiden Elemente als maßgeblich an der Wirkung des Romans auf den Leser beteiligt. Die Messiasthematik wurde bereits erörtert. Sie kann der archetypischen Komponente des Buches zugeordnet werden und wird hier nicht mehr näher behandelt.

Die 16 im Detail behandelten Bilder sind laut Engelbrecht das unterste Glied einer hierarchischen Ordnung, an deren Spitze die Messiassymbolik der Figur Joachim Stiller steht. Er betrachtet die Bilder als überwiegend funktionelle, auf die Symbolik ausgerichtete Elemente. Es kann:

„‘n beeld, indien dit funksioneel is, ‘n bydrae lewer tot dit wat ons as volledige dramatisering, nl. die simbool en uiteindelik die simboliek, kan aanvaar. Nadat ‘n reeks beelde met dieselfde strekking mekaar opgevolg en aangevul het, word die simbool en die simboliek uiteindelik volledig. Elke beeld in so’n reeks dra dus ‘n kenmerk wat deur ‘n volgende aangevul word, totdat die simbool voltrek is.”[6]

Andererseits ist vor dem Deutlichwerden dieser Symbolik vor allem ein gemeinsames Merkmal der Bilder festzustellen:

„Onderwyl ‘n mens De komst van Joachim Stiller lees, skyn dit asof die talle beelde totaal verwarrend op mekaar volg, elk in ‘n ander rigting wys, en basies slegs een eienskap gemeen het, nl. dat dit magies is.”[7]

Hier soll im Folgenden angesetzt werden. Anhand einiger herausgegriffener Bilder soll gezeigt werden, dass diese nicht nur funktionell für den strukturellen Brennpunkt der Messiasthematik, sondern ebenso im Sinne des weltanschaulichen[8] und sogar metaphysischen magischen Realismus interpretiert werden können.

„Dié roman het ‘n fyn gedefinieerde of gedetailleerd omskrewe werklikheidsdimensie. Ons vind ook dat die gebeure wat betrekking het op Stiller se onderskeie manifestasies, indruis teen dié gegewe romanwerklikheid, sodat ons hier kan praat van die „toetrede” van ‘n kontra-reële of magiese dimensie. Daar moet op gelet word dat ook hierdie dimensie wel deeglik omskryf en dus gerealiseer word, waardeur die botsende aard van die twee dimensies duidelik na vore kom.”[9]

Als erstes Bild beschreibt Engelbrecht das Aufbrechen der Kloosterstraat, das Freek Groenevelt von einem Lokal aus beobachtet und das scheinbar nicht den geringsten Sinn hat, da das entstandene Loch unmittelbar darauf wieder geschlossen wird, ohne dass weitere Arbeiten verrichtet wurden. Umso erstaunlicher wird die Sache, als Keldermans, ein hoher Beamter der Stadtverwaltung, den Vorfall abstreitet. Bis dahin kann es sich noch um einen Irrtum handeln, doch der Sachverhalt wird um eine weitere unerklärliche Komponente bereichert. In einem Brief bekräftigt ein gewisser Joachim Stiller, was Groenevelt gesehen hat und schreibt: „Zij [de gebeurtenis] kondigt andere verschijnselen aan, waaromtrent ik tijdelijk nog het stilzwijgen wil bewaren.” (S. 34) Dieses keineswegs alltägliche Vorkommnis ist natürlich von funktioneller Bedeutung für den Roman, „’n funksionele aanvangspunt vir wat volg, en ’n duidelike teken, wat ter voorbereiding die uiteindelike koms van Joachim Stiller voorafgaan.”[10] Es stimmt den Leser durch einen ersten seltsamen Zwischenfall auf das ein, was mit Joachim Stillers letztendlichem Eintreffen den Höhepunkt, auf den strukturell alles hinausläuft, markiert. Gleichzeitig ist es aber auch eine Vorbereitung auf die magische Atmosphäre, die das ganze Buch über vermittelt wird.

Dem ersten Brief folgen weitere, die neben ähnlich mysteriösen Ankündigungen besonders durch ein Merkmal auffallen: Sie wurden anderthalb Jahre vor Groenevelts Geburt verfasst, was sich mit der gangbaren Logik nicht vereinen lässt, beziehen sie sich doch auf Ereignisse, die 38 Jahre später stattfinden. Auch der Poststempel und spätere Untersuchungen der verwendeten Tinte durch einen Wissenschaftler bestätigen dieses Entstehungsjahr. Im ersten Brief bedankt sich Stiller für Groenevelts Beitrag in der Tageszeitung über den Vorfall in der Kloosterstraat und kündigt weitere Ereignisse dieser Art an. Diese naturwissenschaftliche Unvereinbarkeit von Umständen wird im Brief selbst auch explizit angesprochen: „Mochten er zich dus in een nabije toekomst andere gebeurtenissen voordoen, welke naar uw oordeel niet aan de gangbare logica beantwoorden, twijfel dan nooit aan de exactheid van wat gij gezien of eventueel gehoord hebt” (S. 35) – ein bedeutungsvoller Hinweis, der an das magisch realistische Wirklichkeitsverständnis, das auch Platz für das Übernatürliche einräumt, anschließt. Es wird eine gehörige Erschütterung von Groenevelts Wirklichkeitsauffassung prophezeit. Vorkommnisse, die dieser nicht entsprechen, sollen nicht angezweifelt werden. Sie entstammen einer tieferen Wirklichkeit.

Das fünfte Bild, ein Buch eines Mystikers aus dem sechzehnten Jahrhundert, lässt zwar wieder deutliche Merkmale der Messiasthematik erkennen, zugleich stellt es aber auch erneut eine unwahrscheinliche Konstellation von an sich realistischen Elementen dar. So ist es zwar durchaus möglich, dass ein solches Buch über die Offenbarung des Johannes existiert, dass es sich bei seinem Autor aber zufällig wieder um den scheinbar nicht mehr aus Groenevelts Leben weichen wollenden Joachim Stiller handelt, erscheint doch höchst außergewöhnlich. Nach allen vorangehenden Ereignissen, kann es wohl kein Zufall mehr sein, dass Groenevelt, von einem starken Regen überrascht, in das Antiquariat flüchtet und auf die Frage, ob es nicht ein besonderes Buch gäbe, eine Interpretation der Apokalypse bekommt, die ausgerechnet von einem Joachim Stiller geschrieben wurde. Wie schon zuvor bei den drei Briefen, besteht auch bei dieser Situation das Außergewöhnliche darin, dass für Stiller offenbar die uns durch die Zeit auferlegten Grenzen nicht gelten.

Elemente aus Stillers Leben verstärken diese Annahme. Zwar scheint alles, was in Lexika und Biographien über ihn gefunden werden kann, unsicher zu sein, doch verhärtet sich dadurch nur noch mehr der Eindruck, dass es sich um eine Figur handelt, die an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten auftaucht um dort Unruhe zu verursachen. So ist nicht viel mehr bekannt, als dass Stiller als rebellischer Theologe Mitte des sechzehnten Jahrhunderts von der Universität gejagt wurde und dass er allem Anschein nach einige Jahre später auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Angesichts seines Todes nach einem Bombeneinschlag im zweiten Weltkrieg, bei dem Groenevelt zugegen war und seiner Briefe, die 1919 geschrieben wurden, ergibt sich bereits ein ansehnliches Zeitspektrum, in dem er immer wieder aufgetaucht zu sein scheint.

Dem fügt sich nun auch noch sein Wirken in der Gegenwart hinzu. So lässt er über ein Telefongespräch mit Simone erkennen, dass er auch über diesen weitaus gegenständlicheren Weg verfügt, sich ins Spiel zu bringen. Seinem Tod auf dem Scheiterhaufen und ein zweites Mal nach dem Bombeneinschlag zum Trotz ist er handlungsfähig. Hinzu kommt, dass er über Dinge Bescheid weiß, die ein gewöhnlicher Mensch unmöglich in Erfahrung bringen hätte können. So bezieht er sich in seinem Gespräch darauf, dass Simone Freek am Vorabend im Stich gelassen hat und informiert sie, dass die Folgen davon eine furchtbare Einsamkeit gewesen wären, was mit den Tatsachen übereinstimmt, aber kein anderer wissen konnte, als die beiden Betroffenen.

Als Steigerung der außergewöhnlichen Ereignisse und erstes keiner vernünftigen Erklärung mehr standhaltendes Schauspiel setzt sich während ihrer ersten Liebesnacht um ein Uhr zwanzig das Glockenspiel der Stadt in Gang und erfüllt die Stadt mit noch nie zuvor dagewesenen Klängen. Das eigentlich Unerklärliche daran ist aber, dass während der musikalischen Darbietung alle Uhren stehen bleiben und erst danach wieder anlaufen. Darüber hinaus scheint am nächsten Tag niemand von dem Ereignis etwas bemerkt zu haben und selbst in der Kirche weiß man nichts davon. Nur Keldermans, der dritte Auserwählte, hat es noch gehört. Der Schluss liegt nahe, dass Stiller die Zeit für den Rest der Welt stehen bleiben ließ, um seinen Auserwählten ein Zeichen zu geben.

Die restlichen Bilder bringen im Hinblick auf magische Inhaltselemente keine neuen Gesichtspunkt mehr zutage. Einem weiteren Telefongespräch mit Stiller folgt noch mehrmals das Auftauchen seines Namens unter sehr bemerkenswerten Umständen und ein letzter Brief. Die anderen Bilder arbeiten ausschließlich auf die bevorstehende Apokalypse und deren Verhinderung durch den Erlöser Stiller hin.

Es lässt sich aus den vorgestellten Bildern neben der deutlich erkennbaren Steigerung, deren Funktion Engelbrecht als auf den Messiasarchetypus ausgerichtet aufzeigt, auch eine Parallele ableiten, die nicht unbedingt diesem Zweck untergeordnet sein muss. So spielt Lampo sehr ausgiebig, und meines Erachtens ausgiebiger als das für den genannten Zweck erforderlich wäre, mit unserem Verständnis des Normalen und des Möglichen. Die erste Art, worin das geschieht, bildet eine Reihe von mysteriösen Zufällen, gemeint ist vor allem das regelmäßige Auftauchen desselben Namens in voneinander völlig unabhängigen Situationen. Die zweite Art ist das Aufheben von chronologischen Grenzen, wodurch sich ein Brief aus der Vergangenheit auf Ereignisse aus der Gegenwart beziehen kann, oder ein Loch in der Zeit es drei Auserwählten ermöglicht, Dinge wahrzunehmen, die sonst niemand bemerkt. Schlussendlich kommt die scheinbare Allgegenwärtigkeit und Allwissenheit einer Person, die ohne leiblich anwesend gewesen zu sein, darüber Bescheid weiß, dass Simone Freek im Stich gelassen hat und das eine furchtbare Einsamkeit von Freek zur Folge hatte. Alles in allem ergibt sich dadurch das Bild einer anderen Dimension, die in den uns bekannten Teil der Wirklichkeit eingreift. Das erinnert mit Recht an Daisnes Trap, deren dominierendes Strukturmerkmal das Verhältnis zwischen wirklicher und geträumter, kontrarealer Welt ist.

Es mag bereits durchgeklungen sein, dass die Auffassungen Lampos über Wesen und Merkmale des magischen Realismus nicht ganz mit früheren einschlägigen Theorien im Einklang stehen. So lassen sich seine archetypisch geprägten Ansichten zwar vielleicht auf Daisne und einige andere Autoren anwenden, doch effektiv bedeutet seine Auffassung eine Veränderung des Genres, die auf jeden Fall eine Erweiterung, vielleicht aber stellenweise auch das Ausklammern bisher magisch realistisch geglaubter Literatur zur Folge hat. Diese Veränderung schlägt sich aber nicht vollständig in seinem Schreiben nieder. Trotz gegenteiliger Aussagen lässt sich Lampo auch in andere Theorien, die den magischen Realismus noch viel mehr als philosophisch motivierte Richtung sehen, eingliedern. De komst van Joachim Stiller erfüllt die formalen Voraussetzungen für ein traditionell magisch realistisches Werk. Es verfügt genau über jene aus realistischen Elementen aufgebaute Atmosphäre des Magischen und erfüllt damit genau den Auftrag, der dem magischen Realismus ursprünglich zugrunde liegt: das Sichtbarmachen einer „fantastische keerzijde van de realiteit“[11].

Die vorangehenden Schlüsse sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die behandelten Bilder sehr wohl auch archetypisch, hinsichtlich ihres auf die Messiasthematik vorbereitenden Charakters, erklärbar sind. So geht Herman Engelbrecht vor, wenn er schreibt, dass „die magiese manifestasies allereers ‘n illustrasie is van die aard en mag van die geheimsinnige Stiller, wat ten slotte ‘n universele figuur word, ná hy tyd en ruimte op alle moontlike maniere oorbrug het.”[12] Man kann aber diese Sicht, ohne ihr damit Abbruch zu tun, mit den oben genannten Erläuterungen ergänzen.

2. Terugkeer naar Atlantis

Mag es sich bei einigen Aspekten von Terugkeer naar Atlantis auch um archetypisch inspirierte und Archetypen thematisierende Faktoren handeln, so drängt sich beim näheren Betrachten doch die Frage auf, inwieweit diese Motive nicht auch von philosophischen Standpunkten ausgehen, oder solche zumindest wachrufen. Im Speziellen sei hier von neuem auf den Hauptthemenkomplex Atlantis eingegangen, der neben seinem mythisch-irrationalen Wesen auch eine rationale Komponente einschließt.

Im Hinblick auf Atlantis lassen sich im Roman zwei strukturell unterschiedliche, aber fließend ineinander übergehende Bestandteile seiner Charakterisierung erkennen. Einerseits der archetypische Teil, dem der Kult um Atlantis und seine Mystifizierung angehören. Dieser kann als funktionell der Charakterisierung dieses Archetypus untergeordnet betrachtet werden. Andererseits wird Atlantis aber auch mehr und mehr zu einer konkreten Wirklichkeit – ein Umstand, der nach einer weitreichenderen Erklärung verlangt. Es entwickelt sich in dem aus der Bahn geworfenen Arzt die Überzeugung, dass sein Vater vor Jahren nicht schlichtweg verschwunden ist, sondern den Weg nach Atlantis gefunden hat und damit in eine andere, „unendlich ferne und doch ganz nahe Welt“[13] übergetreten ist. Nicht zuletzt ist hier von Belang, dass am Ende auch der Sohn diese Welt für erstrebenswert hält, ja sogar selbst einmal dem Ruf, den nun auch er verspürt, folgen wird, in ein Land, von dem er nicht mehr weiß, als dass es existieren muss, das er mehr fühlt, als dass er eine Vorstellung davon hätte:

„Slechts weinig moest er nu gebeuren om de circel te sluiten. Ik wist nog niet hoe of wanneer. Maar toch wist ik, dat onafwendbaar ééns in mij de roep zal weerklinken, waaraan mijn vader, eindeloos ver en toch zo nabij, gehoor heeft gegeven. En ik zal gaan, zoals hij gegaan is, want niets zal mij ervan kunnen weerhouden, ofschoon ik nog niet rijp ben om te weten, waarheen de weg zal leiden.” (S. 137)

Demgemäß steht auch Atlantis nicht nur für menschliche Urverlangen, die zu allen Zeiten bereits archetypische Erzählungen über versunkene Städte, etc. ausgelöst haben. Atlantis steht in Anbetracht der Handlung auch für philosophische Grundsatzfragen. Gibt es ein Dasein jenseits der sinnlich wahrnehmbaren Welt? Gibt es ein über unsere rationalen Erkenntnisse hinausgehendes Dasein? Dewandelaers Vater soll einmal gesagt haben:

„En het gaat eigenlijk niet om één of ander verzonken werelddeel, dat waarschijnlijk niet eens bestaan heeft, tenzij in de verbeelding van de schrijvers. Maar voor mij betekent het veel meer. Soms kan ik onmogelijk de gedachte van mij afzetten, dat er een andere wereld bestaat, dan deze waarin wij leven, een land, dat wij in de voortijd van ons leven hebben bewoond... Het is zo iets als de hemel, niet boven of niet onder of niet op de aarde, maar elders nog, zonder dat het rechtstreeks iets met de dood te maken heeft. [...] Reeds als kind heb ik gevoeld, Jonas, dat er een dergelijk land bestaan moet en daarom is het waarschijnlijk dwaas van me, dat ik er ook thans nog in geloven blijf. Maar het is als een heimwee, dat ik nauwelijks onder woorden kan brengen, een heimwee waarvan men nooit weer geneest als het je eenmaal te pakken heeft, en dat soms eensklaps kan omslaan in het vreemde gevoel, dat er een geheime weg naar dat Atlantis bestaan moet, een weg die je vinden kan.” (S. 136)

Dass sich diese Thematik auch in eine archetypische Sichtweise integrieren lässt, soll hier gar nicht bestritten werden. So folgt der Frage nach einem Dasein jenseits der sinnlich wahrgenommenen Grenzen und der fehlenden rationalen Antwort darauf das Entstehen archetypischer Vorstellungen. Es fügt sich der Projektion des Unverstandenen und Unerfüllten auf ein mythisches Konstrukt jedoch eine ausgesprochen belangreiche Komponente hinzu, die in diesem Falle vielleicht auch die Überhand ergreift. Atlantis wird nicht nur als mythische, sondern auch als real existierende Welt dargestellt. Es ist eine Welt, deren Ruf auch Dewandelaer eines Tages folgen wird und zu der es einen Weg geben muss, einen Weg, den man finden kann.

Der Ton der Erzählung ist also nicht rein fantastisch; die Thematik kann daher auch nicht als rein mythisch bezeichnet werden, sondern verfügt über eine ausgeprägte rationale Seite. Das ruft Assoziationen mit Daisne und Jünger wach. Sie waren es schließlich, die der Wirklichkeit eine rationale und eine mythische oder magische Seite zuschrieben. Man kann sie nicht trennen, sehr wohl jedoch unterscheiden. So kann also ein Thema auf beide Arten angegangen werden, rational ebenso wie mythisch; trotzdem wird, dort wo das möglich ist, wohl auch immer der jeweils andere Aspekt mitschwingen. Trotz seiner vermuteten archetypischen Motivation kommt mit Atlantis doch auch eine rationale Komponente mit zum Ausdruck.

Konkret lässt sich die gerade angedeutete Form der Verwandtschaft zwischen Lampo und Daisne anhand von Daisnes erster magisch realistischer Novelle illustrieren. In Gojim sind es sinngemäß beinahe dieselben Worte, mit denen G.M. seinen Bericht abschließt:

„En nu ben ik heel dicht bij het eind, volledig gereed om op het eerste sein te vertrekken.”[14]

So wie Dewandelaer wurde auch G.M.’s Weltbild von Grund auf neu geordnet, und er bereitet sich auf Ereignisse vor, deren Gewichtigkeit alles Bisherige in den Schatten stellen soll.

Als zusätzliches die rationale mit der mythischen Ebene verbindendes Element entpuppt sich der im Roman mehrfach vorkommende Zug. Lampo bedient sich der Symbolik, die dieser ausstrahlt, um die Realität als nicht zwingend das Magische ausschließend darzustellen, um gleichsam beide Ebenen aneinander anschließen zu lassen. Seine Beschreibung ist voller unterschwelliger Hinweise:

„Maar de goederentrein, die ik iedere avond om kwart voor negen in de bocht van de naburige spoorbaan hoorde voorbijstommelen, behoorde uitsluitend tot de materieloze verschijnselen van de nacht, evenals de sirenes van de schepen op de nabije rivier die, zwaar en breed op de resonantievlakken van het water en de laagdrijvende wolken, als de tragische noodseinen uit een vergeten wereld klonken en mij niet vreesachtig, doch weemoedig stemden, als waren zij de klaaglijke getuigen van een leed, waarvoor ik geen naam wist. Nooit heb ik mij afgevraagd, van waar deze trein wel komen mocht en waar hij heen reed, alsof het voor mij vast stond, dat hij tot een bovennatuurlijke werkelijkheid behoorde, waar onze vragen naar herkomst en bestemming van alle grond verstoken zijn. Ook thans nog, zovele jaren later, oefent het gedreun van nachtelijke treinen een onverklaarbare aantrekkingskracht op me uit, maar vruchteloos heb ik de betovering van weleer weergezocht.” (S. 10-11)

Wenn der Zug hier als einer vergessenen Welt oder einer übernatürlichen Wirklichkeit zugehörig beschrieben wird, so muss das natürlich im Zusammenhang mit dem zweifellos durch dieselben Attribute beschreibbaren Atlantis gesehen werden. Die Mystifizierung des Zuges wird auf die Spitze getrieben, während parallel dazu das Verschwinden von Dewandelaers Vater immer absonderlichere Züge erhält, sodass der Eindruck entsteht, dass beides in welcher Form auch immer miteinander in Verbindung gebracht werden kann. Man beachte die „onverklaarbare aantrekkingskracht“ (S. 11), die der Zug auf die Hauptperson ausübt, von der aber auch der Vater im Hinblick auf Atlantis erfüllt war. Weniger soll damit ausgedrückt werden, dass der Vater etwa mit dem Zug nach Atlantis gereist wäre, als dass Atlantis als prinzipiell erreichbar und zugänglich betrachtet werden muss und nicht als rein fiktiv betrachtet werden darf.

Einerseits manifestiert sich Lampos Bezugnahme auf Mensch und Welt in Terugkeer generell durch die Themenwahl. Es wurde dargelegt, dass Atlantis gleicherweise mythische wie philosophische Gesichtspunkte repräsentiert. Andererseits geschieht dies jedoch auch durch eine Vielzahl von dem Text eingestreuten Hinweisen und Andeutungen, die dem Buch seinen magischen Charakter verleihen, sich zugleich aber auch auf ebenjenen philosophischen Themenbereich beziehen.[15] So scheint der Hauptfigur der Körper seiner toten Mutter „niet meer tot de tastbare werkelijkheid dezer wereld [...] te behoren“ (S. 22), ebenso wie der Güterzug Teil einer „bovennatuurlijke werkelijkheid“ ist (S. 11). Es wird damit, mehr fragend als feststellend, auf das Jenseits angespielt. Er fragt sich: „Gebeuren er dingen met en toch buiten mij? Zijn mijn dagelijkse, rustige ervaringen slechts de afschaduwing van een dieper en rijker ervaren, dat zich aan mij voltrekt, zonder dat ik er mij bewust rekenschap van geef?“ (S. 12) und sieht die Welt als ein „labyrint, waar zich aarzelend mijn geest op onbekende paden begeven heeft“ (S. 23). Er stellt damit die Rationalität und seine sinnliche Wahrnehmung infrage. Das Surren der Telegrafenmasten ist „onbegrijpelijke en polyfonische muziek uit een wereld, die ik vooralsnog niet als de mijne herken” (S. 24), und seine Stadt erscheint ihm letztendlich als „een vergeten, eeuwenoude stad, uit de diepten der oceanen opgerezen en tot nieuw verdwijnen ingekeerd” (S. 24). Das Übersinnliche hält Einzug in die Wirklichkeit. Der Welt wird eine bisweilen unerklärte, vom Menschen noch nicht erfasste, aber immer schon vermutete Komponente zugeschrieben.

Die hier an einem Beispiel demonstrierten übergreifenden Motive, die von mehreren Interpretationen zulassen, sind bei Lampo in großer Zahl vorhanden. Was oben beschrieben wurde, gilt nicht nur für Atlantis und den durchdringend beschriebenen Zug, sondern erweckt immer stärker den Anschein einer charakteristischen Eigenschaft von Lampos Schreiben. Für diese kurze Analyse von Terugkeer naar Atlantis sei nun aber die mehrfache Funktion dieser Elemente festgehalten. So ist der Zug einerseits archetypisch geladen, andererseits aber auch strukturelles und gegenständliches Verbindungsglied zu einer anderen Welt. Mit letzterer Eigenschaft trägt er dazu bei, dass auch Atlantis in mehrfacher Hinsicht gedeutet werden kann. Durch seine Verbindungsfunktion macht der Zug Atlantis (oder das, wofür es steht) zu einem handfesten Faktum. Aus dem mythischen Archetypus wird das rationale Vermuten einer nicht ergründbaren, wohl aber vermutbaren Dimension in der Welt, von deren Existenz der magische Realismus überzeugen will.



[1] Lampo 1993, S. 34

[2] Lampo 1993, S. 34

[3] Lampo 1993, S. 34

[4] Haas 1996, S. 18

[5] Engelbrecht 1974, S. 94 ff.

[6] Engelbrecht 1974, S. 59

[7] Engelbrecht 1974, S. 59

[8] Im Sinne von Kapitel B.I.2.

[9] Engelbrecht 1974, S. 94

[10] Engelbrecht 1974, S. 96

[11] Daisne 1943, S. 277

[12] Engelbrecht 1974, S. 94

[13] Lampo verwendet diese Wendung nicht nur in Terugkeer naar Atlantis (S. 137), sondern auch in De komst van Joachim Stiller (S. 154).

[14] Daisne; Lampo 1987, S. 68

[15] In einem späteren Kapitel (D.1.) soll auf diese Methode noch ausführlicher eingegangen werden.