Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur

Gottesanbeterin

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II. Wahl der Bücher

Eine Untersuchung, die sich im Prinzip nicht auf einzelne Werke bezieht, sondern auf allgemeine Tendenzen und Grundzüge eines Oeuvres sowie einer ganzen literarischen Strömung, und die sich dennoch auf eine kleine Anzahl von Beispielen beschränkt, muss die Auswahl dieser Beispiele fundiert treffen. Sie sollten, wenn das überhaupt möglich ist, von mehr oder weniger repräsentativem Charakter für den jeweiligen Autor sein. Gleichzeitig müssen sie aber auch für den Ausgangspunkt der Untersuchung geeignet sein. Das setzt voraus, dass der Ausgangspunkt der Untersuchung als für den Autor repräsentativ bezeichnet werden kann. Letzteres ist dadurch gegeben, dass diese Abhandlung, verkürzt ausgedrückt, auf die Rezeption der beiden Autoren abzielt, die in verschiedenen Aspekten kritisch neben das Werk und andere mögliche Interpretationen davon gestellt wird. Der Ausgangspunkt leitet sich also nicht von einer eigenen Interpretation her, die in diesem Falle erst begründet werden müsste, sondern von den Ergebnissen und Schlüssen, die in der Literaturwissenschaft und -kritik in mehreren Jahrzehnten magischen Realismus in Flandern entstanden sind. Das sind die Kriterien, wonach die Repräsentativität und die Eignung der verwendeten Werke beurteilt werden müssen.

Johan Daisne ist mit seinen beiden Romanen De trap van steen en wolken (1941) und De trein der traagheid (1948) vertreten. Es wird vermutlich weniger problematisch sein, das Heranziehen von De trap[1] zu legitimieren. In Sachen Repräsentativität als auch Eignung für den vorliegenden Ansatz liegt die Begründung auf der Hand. Als erster magisch realistischer Roman in Flandern, der selbst nach Erscheinen weiterer Werke von Daisne noch oft als sein Meisterwerk bezeichnet wird[2], kann er durchaus als charakteristisch betrachtet werden. Hinzu kommt, dass nach Daisnes eigener Unterteilung seines Schaffens in den „romantisch magisch-realisme“ und den „classiek magisch-realisme“[3] De trap konkurrenzlos als wichtigstes Beispiel der romantischen Gattung im Raum steht. Der richtungsweisende Charakter dieses Romans macht ihn für eine vergleichende Untersuchung wiederum sehr geeignet, da davon auszugehen ist, dass er spätere Vertreter der durch ihn eingeläuteten Richtung beeinflusst haben könnte. Eher noch mit Komplikationen verbunden ist die Legitimation von De trein[4] in diesem Kontext. Im Sinne der Ausgewogenheit musste nach einem romantisch magisch realistischen Werk eines der zahlreicheren klassisch magisch realistischen gewählt werden. Hier gehört neben dem einzigen heute noch gedruckten Werk[5] De trein der traagheid auch De man die zijn haar kort liet knippen zu den bedeutenden Meilensteinen. Beide Erzählungen erschienen für diese Untersuchung im gleichen Maße geeignet. Dass die Wahl auf De trein fiel, begründet sich durch persönliche Präferenzen.

Ein ähnliches Bild im Hinblick auf die verwendete Literatur ergibt sich bei Hubert Lampo, dessen Romane De komst van Joachim Stiller (1959) und Terugkeer naar Atlantis (1953) untersucht werden. Man wird wohl auf wenige Einwände stoßen, wenn man De komst[6] für eine Abhandlung im Zusammenhang mit seinem magischen Realismus als geradezu unumgänglich bezeichnet, handelt es sich dabei doch um sein mit Abstand beliebtestes Werk[7], das auch in verschiedenste europäische Sprachen übersetzt wurde[8]. Dahingegen fällt die Wahl eines zweiten Werkes um einiges schwerer. Lampos äußerst großes Oeuvre überhaupt in seiner Gesamtheit zu lesen, sorgt schon für ausreichende Freizeitbeschäftigung für ein ganzes Jahr. Sein schaffendes Werk umfasst (Neuauflagen ausgenommen) 45 Publikationen in Buchform innerhalb von 57 Jahren. Hinzu kommt sein enormes essayistisches Werk. Es musste daher bei der Wahl der Bücher zum Teil auf Rezensionen zurückgegriffen werden, um die Verhältnismäßigkeit der verschiedenen Arbeitsschritte dieser Untersuchung zu wahren. Dennoch wird die Wahl von Terugkeer[9] aus verschiedenen Gründen als durchaus logisch und konsequent empfunden. Besonders sticht dabei ein erklärungsbedürftiger Kontrast ins Auge: Lampo rechnet dieses 1953 erschienene Buch trotz einer Vielzahl von entsprechenden Elementen noch nicht dem magischen Realismus zu, zu dem er sich erst mit De komst bekannte.[10] Daneben erinnert die Darstellung des Atlantis-Mythos einerseits in einigen Punkten an Daisnes Illustration von Parallelwelten – auch ein Anhalt für die ins Auge gefasste Annäherung der beiden – andererseits stellt sie ein Paradebeispiel für einen von Lampo in Worte gefassten Archetypus dar und schließt somit auch gut an seine eigene abweichende Definition des magischen Realismus an.

Alles in allem ist in der Wahl der Bücher durchaus eine innere Logik zu erkennen. Es wurde jeweils das magisch realistische Meisterwerk beider Autoren durch ein Buch ergänzt, das zum einen bekannt und repräsentativ ist und zum anderen als für den Ausgangspunkt am besten geeignet erscheint. Die Ersterscheinungsjahre der Werke erstrecken sich von 1941 bis 1959 und eröffnen dadurch einen breiten Eindruck von zwei Jahrzehnten magischem Realismus in Flandern und zugleich von ebenjener konstituierenden Periode, in der die Positionen sich noch nicht endgültig gefestigt hatten, Daisne seinen magischen Realismus (weiter)entwickelte und theoretisch fundierte und Lampo sich literarisch noch orientierte. Schlussendlich sei noch ein auf den ersten Blick vielleicht irrational erscheinendes Argument erwähnt, das aber zweifellos noch seinen Platz in dieser Arbeit finden wird. Betrachtet man die Titel der vier Bücher, so fallen vier Worte ins Auge: trap, trein, terugkeer und komst. All diese Worte deuten in irgendeiner Form auf einen Kontakt zwischen dieser und einer anderen Welt hin. Die Treppe entpuppt sich als der Weg, über den wir zwischen unserer Welt und der Welt der Ideen verkehren können; der Zug ist auf einer Fahrt ins Jenseits. Joachim Stiller kommt von einer anderen nicht näher umschriebenen Welt, möglicherweise dieselbe Welt, in die Christiaan de Wandelaers Vater zurückkehrt. Wie diese Welten zu interpretieren und ob diese Welten zu vergleichen sind, das soll hier untersucht werden.



[1] De trap van steen en wolken

[2] Siehe z.B. Daisne; Lampo 1987, S.17: „coup de maître”

[3] Siehe Daisne 1966, S. 71

[4] De trein der traagheid

[5] Siehe Aken 1995, S. 17

[6] De komst van Joachim Stiller

[7] Vgl. Baelen 1989, S. 10

[8] Vgl. Baelen 1989, S. 1

[9] Terugkeer naar Atlantis

[10] Vgl. Lampo 1993, S. 14